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the uninvited guest - Druckversion

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the uninvited guest - Hope Marshall - 01.07.2026

~ LAMIA ~
 
Dass Lamia Nachtclubs mochte, überraschte Hope im Grunde nicht einmal, denn Orte, an denen Menschen ihre Hemmungen mit Alkohol ertränkten, ihre Begierden offen zur Schau stellten und Moral mit jedem weiteren Drink ein Stück weiter in den Hintergrund rückte, schienen die uralte Dämonin seit jeher magisch anzuziehen. Hoffnung, Anstand oder Rücksicht hatten für sie nie einen besonderen Wert besessen, vielmehr betrachtete sie all jene Eigenschaften mit derselben neugierigen Belustigung, mit der ein Kind Ameisen beobachtete, die sich emsig ihren Weg durch das Gras bahnten. Das Valen & Vice war deshalb beinahe wie für sie geschaffen worden, denn zwischen goldenen Lichtern, dekadenten Cocktails, dämonischen Auren und einer Musik, deren dumpfer Bass selbst noch tief in der Brust vibrierte, konnte Lamia genau das tun, was ihr seit Jahrtausenden die größte Freude bereitete: beobachten, ausprobieren und mit Menschen spielen, ohne dass diese überhaupt bemerkten, wie leicht sie sich in die gewünschte Richtung schieben ließen.
Hope selbst nahm von alldem lediglich Bruchstücke wahr, flüchtige Erinnerungsfetzen, die sich anfühlten, als würde sie durch beschlagenes Glas auf das Geschehen blicken. Da war das rhythmische Flackern der Lichter, das sich in den polierten Oberflächen spiegelte, das Gemisch aus teurem Parfum, verschüttetem Alkohol, Schweiß und den ganz eigenen Gerüchen übernatürlicher Wesen, deren Auren wie verschiedenfarbige Schleier ineinanderflossen, und irgendwo dazwischen Lamias helles, beinahe unbekümmert klingendes Lachen, das niemals zu Hope gehört hatte. Sie tanzte mit einer Selbstverständlichkeit, die Hope völlig fremd war, bewegte sich geschmeidig zwischen Menschen und Dämonen hindurch, suchte bewusst ihre Blicke, erwiderte Komplimente mit charmantem Lächeln oder zweideutigen Bemerkungen und genoss jede einzelne Sekunde davon, während das schwarze Kleid ihren Körper betonte und die hohen Schuhe auf dem dunklen Boden leise klackten. Dass dieser Körper eigentlich nicht ihr gehörte, schien Lamia dabei ebenso wenig zu interessieren wie die Tatsache, dass Hope sich niemals freiwillig so gezeigt hätte.
 
Besonders lange hielt ihre Aufmerksamkeit allerdings auch dieser Tanz nicht gefangen. Zwei Gäste gerieten zunächst lediglich verbal aneinander, wahrscheinlich wegen irgendeiner Nichtigkeit, doch Lamia genügte es, hier eine beiläufige Bemerkung einzustreuen, dort einem der beiden Männer scheinbar verständnisvoll zuzulächeln und dem anderen mit wenigen Worten genau den Zweifel einzupflanzen, der verletzten Stolz binnen Sekunden in offene Aggression verwandelte.
Zufrieden ließ sie sich mit ihrem Cocktail auf einem Barhocker nieder, schlug die Beine übereinander und beobachtete mit unverhohlener Freude, wie aus gegenseitigem Anrempeln Schubsen, aus Schubsen Schläge und schließlich eine handfeste Prügelei wurde, bei der immer mehr Gäste mit hineingezogen wurden. Zwar flogen keine Zähne, doch etwas Blut floss dennoch. Als Appetitanreger nicht schlecht. Für Lamia besaß dieses Chaos denselben Unterhaltungswert wie für andere Menschen eine spannende Fernsehserie, weshalb sie das Schauspiel mit fast kindlicher Neugier verfolgte, bis schließlich die Security eingriff und sich die ersten kräftigen Männer ihren Weg durch die Menge bahnten. Damit verlor die Angelegenheit augenblicklich ihren Reiz. Langweilig. Vorhersehbar. Während andere Gäste zurückwichen oder lautstark protestierten, glitt Lamia beinahe spielerisch zwischen ihnen hindurch, wich den Sicherheitskräften aus, ohne dass diese sie überhaupt richtig wahrnahmen, und entdeckte schließlich einen Aufzug, auf dessen „Open“-Taste sie drückte, nachdem sie sich noch einmal galant zum Geschehen nahe der Tanzfläche umgedreht hatte und verschwand rückwärts gerichtet mit einem zufriedenen Grinsen im Fahrstuhl. Neugier hatte sie schon immer weit stärker angetrieben als Vorsicht, weshalb sie kurzerhand einstieg, sich entspannt gegen die Rückwand lehnte und erst dann bemerkte, dass der Fahrstuhl sie nicht etwa zurück in den Club, sondern immer weiter nach oben brachte.
 
Als sich die Türen schließlich erneut öffneten, lag vor ihr eine luxuriöse Penthousewohnung, deren geschmackvolle Einrichtung selbst Lamia für einen kurzen Moment interessiert innehalten ließ. Langsam schlenderte sie zwischen warmen Hölzern, dunklem Leder und ausgewählten Kunstwerken hindurch, ließ ihre Fingerspitzen beiläufig über Möbel gleiten und betrachtete einzelne Gegenstände mit derselben unverbindlichen Aufmerksamkeit, mit der andere Menschen Schaufenster betrachteten, bis ihr Blick schließlich auf eine hochwertige Rolex fiel. Hübsch. Mehr dachte sie darüber gar nicht nach, sondern ließ die Uhr mit einem zufriedenen Lächeln in ihrer kleinen Handtasche verschwinden. Lange hatte sie allerdings keine Gelegenheit, sich weiter umzusehen.
Als das kaum hörbare Summen des Aufzugs ihre Aufmerksamkeit erneut auf sich zog und ihr verriet, dass jemand auf dem Weg nach oben war, blieb Lamia für einen kurzen Moment vollkommen reglos stehen, ehe sich dieses verschmitzte, beinahe schelmische Lächeln auf ihre Lippen legte, das Hope inzwischen nur allzu gut kannte und das nie etwas Gutes bedeutete. „Dein Problem, Süße“, murmelte sie mit leiser, amüsierter Zärtlichkeit, als würde sie Hope ein besonders hübsch verpacktes Geschenk hinterlassen, bevor sie sich ohne jedes Zögern wieder in den Hintergrund zurückzog und die Kontrolle über den gemeinsamen Körper ebenso plötzlich abgab, wie sie sie übernommen hatte.


~ HOPE ~
 
Hope riss erschrocken die Augen auf und benötigte einige Sekunden, bis ihr Bewusstsein die ungewohnten Eindrücke überhaupt einordnen konnte. Sie wusste weder, wo sie sich befand, noch wie sie dorthin gelangt war, doch das war mittlerweile beinahe schon Routine geworden, sobald Lamia für längere Zeit die Kontrolle übernommen hatte. Noch bevor ihr Blick überhaupt durch den Raum wanderte, registrierte sie instinktiv etwas anderes, nämlich den ungewohnt leichten Stoff auf ihrer Haut, der sich bei jeder noch so kleinen Bewegung anders anfühlte, als sie es gewohnt war. Erst jetzt senkte sie langsam den Blick an sich hinab und spürte augenblicklich, wie sich ein unangenehmes Ziehen in ihrer Magengegend ausbreitete. Das schwarze Kleid schmiegte sich deutlich enger an ihren Körper, als ihr lieb war, ließ ihre Beine vollständig unbedeckt und offenbarte durch den tiefen Ausschnitt wesentlich mehr von ihr, als Hope jemals freiwillig gezeigt hätte. Die hohen Schuhe machten jeden Schritt ungewohnt unsicher, eine Kette lag kühl auf ihrer Haut und als sie sich mit den Fingern flüchtig über Lippen und Wangen strich, blieb ein Hauch verschmierter Schminke an ihren Fingerspitzen zurück. Der süßliche Duft eines fremden Parfums hing in ihren Haaren und genügte bereits, um jede noch so kleine Hoffnung zu ersticken, Lamia könnte diesmal vielleicht etwas weniger... kreativ gewesen sein.
 
Unwillkürlich zog sie den ohnehin viel zu kurzen Saum des Kleides ein Stück weiter nach unten, strich eine Haarsträhne nach vorn, um den tiefen Ausschnitt zumindest ansatzweise zu verdecken, und verschränkte schließlich fast automatisch die Arme vor ihrem Oberkörper. Nicht, weil sie glaubte, jemand könnte sie attraktiv finden oder weil sie sich ihrer Weiblichkeit schämte, sondern weil sie sich schlicht nicht wie sie selbst fühlte. Dieses Kleid machte aus ihr eine junge Frau, die gesehen werden wollte, während Hope ihr ganzes Leben darauf verwendet hatte, möglichst unauffällig zu bleiben, sich hinter Kapuzen, Pullovern und viel zu großen Jacken zu verstecken und niemals unnötig Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Dass Lamia ausgerechnet ihren Körper dafür benutzt hatte, sich auf diese Weise zu präsentieren, hinterließ ein Gefühl, das sich irgendwo zwischen Fremdheit, Unbehagen und stiller Resignation bewegte.
Doch lange blieb ihr keine Zeit, darüber nachzudenken, denn beinahe gleichzeitig drängte sich die viel wichtigere Frage in den Vordergrund, was Lamia während ihrer Abwesenheit eigentlich alles getan hatte. Hatte sie jemanden verletzt? War Blut geflossen? War vielleicht sogar jemand gestorben? Hope wusste es nicht und gerade diese Ungewissheit lastete schwerer auf ihr als jedes noch so aufreizende Kleid.
 
Als schließlich erneut das leise Surren des Aufzugs erklang, reagierte ihr Körper, noch bevor ihr Verstand den Gedanken vollständig zu Ende gebracht hatte. Lautlos huschte sie hinter einen massiven Schreibtisch, ließ sich dort in die Hocke sinken und zog die Beine eng an den Körper, während sie den viel zu dünnen Stoff des Kleides unbewusst mit einer Hand festhielt. Klein werden, beobachten, erst verstehen und dann handeln – diese Reihenfolge hatte ihr Leben schon einmal gerettet und sie war tief genug in ihr verankert, um auch jetzt ganz automatisch die Kontrolle zu übernehmen. Mit angehaltenem Atem lauschte sie auf die näherkommenden Schritte, während ihr Herz dumpf gegen ihre Rippen schlug und sie nur inständig hoffen konnte, dass Lamia diesmal nichts getan hatte, dessen Konsequenzen nun ausgerechnet auf ihren Schultern landen würden.