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A little less Hell - Druckversion

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A little less Hell - Jezahel White - 16.08.2026


Das Valen & Vice war nicht der schlechteste Ort, an den der Rat Jezahel jemals geschickt hatte, allerdings gehörte es mit ziemlicher Sicherheit zu jenen, bei denen man ihr im Vorfeld etwas deutlicher hätte sagen können, was genau sie hinter den Türen erwartete. Nicht, weil sie Anstoß an dem genommen hätte, was sich dort abspielte. Nach mehr als zwei Jahrtausenden brauchte es etwas mehr als Alkohol, nackte Haut, sündhaft teure Einrichtung und Menschen, die bereitwillig Entscheidungen trafen, die ihnen am nächsten Morgen vermutlich leidtun würden, um sie aus der Ruhe zu bringen. Viel eher war es die eigentümliche Mischung aus Vertrautem und Fremdem, die ihr auffiel, sobald sie den Club betreten hatte.
Oberflächlich war das Valen genau das, was es sein wollte: Dunkel, luxuriös, sinnlich, beinahe übertrieben geschmackvoll in all dem Schwarz, dem schweren Rot und den warmen goldenen Lichtinseln, die sich über polierte Flächen zogen und Gesichter immer nur für wenige Sekunden vollständig erkennen ließen.
Darunter lag jedoch etwas, das sich nicht mit teurem Parfüm, Alkohol oder Musik überdecken ließ. Zu viele Wesen bewegten sich durch diese Räume, die nur auf den ersten Blick menschlich wirkten, zu viele Spuren alter Magie hafteten an Schmuckstücken, Haut oder Dingen, die achtlos auf Tischen lagen, und selbst dort, wo Jezahel nicht auf Anhieb bestimmen konnte, womit sie es zu tun hatte, blieb dieses beständige leise Gefühl zurück, dass hinter beinahe jedem zweiten Gesicht noch etwas anderes wartete.

Es hätte sie früher kaum beschäftigt. Damals hätte sie einen solchen Ort betreten, ohne auch nur darüber nachzudenken, wie sie ihn im Zweifel wieder verließ. Ihre Gnade wäre bei ihr gewesen, ebenso selbstverständlich wie ihr eigener Atem, ihre Flügel verborgen und dennoch vorhanden, ihre Kräfte nur einen Gedanken entfernt.
Heute ertappte sie sich bereits wenige Schritte hinter dem Eingang dabei, wie ihr Körper auf eine Bewegung dicht hinter ihr reagierte, sich ihre Schultern kaum merklich spannten und etwas in ihr für einen Sekundenbruchteil auf Raum hoffte, den Flügel schaffen konnten, die längst nicht mehr existierten. Der Reflex verschwand ebenso schnell, wie er gekommen war, hinterließ jedoch diesen bitteren Nachgeschmack, den Jezahel inzwischen besser kannte, als ihr lieb war.
Sie blieb nicht stehen und sah sich auch nicht um, sondern schob lediglich eine Hand in die Tasche ihrer hoch geschnittenen schwarzen Hose, während der lange Blazer bei jedem Schritt leicht gegen ihre Beine strich. Vielleicht war es gerade deshalb gut gewesen, dass sie sich gegen ein Kleid entschieden hatte. Sie fügte sich problemlos in das Publikum ein, ohne sich verkleidet zu fühlen, der schwarze Satin ihres Oberteils fing hin und wieder einen warmen Lichtreflex ein, und abgesehen von den Absätzen ihrer Stiefeletten, die auf dem dunklen Boden kaum hörbar waren, gab es wenig an ihr, das unnötig Aufmerksamkeit verlangte.

Der Rat hatte ihr ohnehin ausdrücklich nahegelegt, genau das zu vermeiden. Beobachten, identifizieren, einschätzen und berichten. Keine Konfrontation, solange sie nicht notwendig wurde, kein Versuch, dem Händler seinen Besitz mitten in diesem Club abzunehmen, und nach Möglichkeit auch kein diplomatischer Zwischenfall mit irgendeinem der dort anwesenden Höllenwesen.
Jezahel hatte sich bei dieser letzten Anweisung nur schwer die Bemerkung verkneifen können, dass man möglicherweise jemand anderen hätte schicken sollen, wenn man ausgerechnet einen ehemaligen Kriegerengel mit jahrhundertelanger Erfahrung im Umgang mit Dämonen für derart wenig beherrscht hielt. Doch der Rat hatte ja keine Ahnung, wer sie eigentlich wirklich war und so hatte sie sich erfolgreich auf die Zunge gebissen. Zweitausend Jahre Wissen hingegen ließen sich offensichtlich trotzdem hervorragend nutzen, sobald irgendwo ein Gegenstand auftauchte, den niemand sonst einordnen konnte.

Genau darum ging es diesmal. Ein Artefakt, von dem der Rat bislang kaum mehr als widersprüchliche Gerüchte und eine miserable Fotografie besaß, sollte an diesem Abend seinen Besitzer wechseln. Je nach Quelle war es ein Bindungsobjekt, ein Schlüssel, ein Gefäß oder schlicht eine geschickt vermarktete Fälschung, wobei zumindest die wenigen sichtbaren Zeichen auf der Aufnahme alt genug wirkten, dass Jezahel die letzte Möglichkeit nicht ohne Weiteres unterschreiben wollte.
Der Mann, der es besaß, war unter so vielen Namen bekannt, dass man sich irgendwann auf Morrow geeinigt hatte; ein Händler für Dinge, die offiziell nicht existierten, nicht verkauft wurden oder besser niemals in die Hände zahlungskräftiger Interessenten gelangten. Dass ausgerechnet der Inhaber eines doppeldeutigen, zwielichtigen Clubs einem solchen Mann gestattete, hier Geschäfte zu machen, hatte Jezahel nicht wirklich überrascht.

Sie hatte sich schließlich einen Platz an der Bar gesucht, von dem aus sie einen Großteil des Raumes überblicken konnte, und ein Glas bestellt, mehr aus Tarnung als aus tatsächlichem Verlangen danach. Seit beinahe einer halben Stunde stand es nun vor ihr, der Inhalt nur langsam weniger werdend, während Jezahel über den Rand hinweg Gesichter musterte, Hände beobachtete und sich immer wieder dabei ertappte, an Dingen hängen zu bleiben, die mit ihrem eigentlichen Auftrag überhaupt nichts zu tun hatten. Ein Ring an der Hand eines Mannes zwei Plätze weiter trug eine Schutzgravur, die mindestens vierhundert Jahre älter sein musste als sein übriges Auftreten vermuten ließ; an einer Frau, die kurz darauf an ihr vorbeiging, glaubte Jezahel für einen Augenblick eine Symbolfolge zu erkennen, die sie zuletzt irgendwann im achtzehnten Jahrhundert gesehen hatte, und auf einem der hinteren Tische stand eine kleine bronzene Figur, für die Giles vermutlich bereit gewesen wäre, mehrere Stunden lang jeden anderen Gesprächsgegenstand zu vergessen.
Das Valen war auf eine eigentümliche Weise beinahe interessanter, als Jezahel ihm zugestehen wollte. Nicht angenehm, nicht vertrauenerweckend, aber interessant genug, dass sie verstand, weshalb ein Ort wie dieser Menschen und andere Wesen gleichermaßen anzog.

Ihr Blick glitt erneut über den Raum, blieb kurz an einer Bewegung hängen und wanderte bereits weiter, bevor etwas sie zurücksehen ließ. Nicht das Gesicht des Mannes, sondern der Gegenstand. Nur ein Teil davon war zwischen seiner Hand und dem dunklen Material zu erkennen, in dem er ihn offenbar bei sich trug, doch die schmale metallene Einfassung und eines der eingeschnittenen Zeichen genügten. Jezahel richtete sich etwas gerader auf, während ihre Finger das Glas umschlossen, ohne es anzuheben.
Die Fotografie des Rates war schlecht gewesen, verwackelt und aus einem Winkel aufgenommen, der beinahe mehr Fragen aufgeworfen als beantwortet hatte, aber dieses Symbol hatte sie sich eingeprägt.
Da war er also. Morrow.
Jezahel ließ sich nichts anmerken, während sie ihn nun genauer betrachtete und sich die Position, mögliche Ausgänge und die Menschen in seiner unmittelbaren Umgebung einprägte. Sie sollte zunächst nur bestätigen, dass er das Artefakt tatsächlich besaß, und genau das konnte sie nun tun. Alles Weitere würde davon abhängen, ob sie eine Gelegenheit bekam, näher heranzukommen, ohne dass der Mann sofort begriff, weshalb sie sich für ihn interessierte.

Dann wanderte ihr Blick zu der Person bei ihm und für einen Moment bewegte Jezahel sich überhaupt nicht mehr. Das Gesicht kannte sie, zu gut sogar. Ihre Finger lösten sich langsam wieder vom Glas, während sie den Kopf kaum merklich zur Seite neigte und noch einmal hinsah, als könnte die Beleuchtung des Clubs ihr gerade einen schlechten Scherz spielen. Tat sie aber nicht. Von allen Wesen, die an diesem Abend neben einem Schwarzmarkthändler mit einem möglicherweise gefährlichen Artefakt auftauchen konnten, musste es ausgerechnet sie sein.
Jezahel atmete leise durch die Nase aus und ließ ihren Blick einen Augenblick länger auf der vertrauten Gestalt ruhen. Lilith. Offenbar hatte der Abend beschlossen, komplizierter zu werden.


RE: A little less Hell - Lilith - 20.08.2026


Seit ihrer Rückkehr vor ein paar Tagen hatte Lilith ein ambivalentes Verhältnis zum Valen. Es gab keinen anderen Ort, an dem sie sich gleichzeitig so heimisch und doch so vollkommen fremd fühlte. Der Club an sich war ein Geschenk – perfekt durchdacht bis ins kleinste Detail, kein Wunsch blieb offen. Unendliche Möglichkeiten für all das, worüber bei Tag niemand sprechen wollte. Früher hätte sie den Großteil ihrer Geschäfte hier abgewickelt, sich souverän bewegt in dieser Welt, die sie besser kannte und navigieren konnte als jede andere, eine Welt geprägt von Machtspielen, Begierde, Handel, Versuchung. Sie wusste, wie Menschen funktionierten und sie wusste, wie Dämonen funktionierten – alle von ihnen. Sie las ihre innersten Wünsche wie ein Buch und nahm ihnen das ab, was ihnen am teuersten war. Sie wusste zu jedem Zeitpunkt, was sie wollte und was sie zu tun hatte.
All das existierte hier auch noch: Die Menschen, die Dämonen, die zwielichtigen Geschäfte, das Verlangen, das sich im Laufe des Abends direkt hier oder in diversen Separées entlud. Die schiere Hitze mit der der Club zu fortgeschrittener Stunde förmlich pulsierte, wenn man – wie sie – ein dafür empfängliches Wesen war und derartige Prozesse wahrnehmen konnte.
Bis vor kurzem war genau das ihre Welt gewesen.

Aber jetzt… gehörte sie nicht mehr dazu. Nicht wirklich. Ihrer Gnade beraubt, immer wieder Phantomschmerzen und den Drang, mental nach ihren Flügeln zu tasten. Ohne Aufgabe, ohne Bestimmung. Ziellos, verloren.
Alle betonten, dass es nicht so furchtbar war, wie sie dachte, dass es nicht ihre Gnade war, die sie ausmachte. Aber es fiel Lilith unfassbar schwer, herauszufinden was genau von ihr noch übrig war, jenseits davon – hauptsächlich deshalb, weil sie ständig geplagt war von irgendeiner oder anderen elendigen Emotion, die ihren Kopf vernebelte, sodass sie gar keinen klaren Gedanken fassen konnte.
Es war schier unmöglich zu sagen, welche sie am meisten hasste. Trauer war ganz vorn mit dabei, in jedem Fall, sie lähmte ihren Körper in manchen Situationen so sehr, dass es eine Herausforderung war, morgens überhaupt aufzustehen. Sorge fühlte sich ähnlich schrecklich an. Angst. Aber auch vermeidlich ‚positive‘ Dinge, die sie zu verabscheuungswürdigen Handlungen anstacheln wollten, zu denen sie sich früher nicht einmal im Traum herabgelassen hätte. Zuneigung, Dankbarkeit. Wertschätzung. Und das war nur ein Bruchteil – in den überwiegendsten Fällen konnte sie gar nicht genau zuordnen, was sie fühlte, ehe es wieder in etwas anderes umschlug.
Es war nicht so, als hätte sie mit ihrer Gnade keinerlei Empfindungen gehabt. Aber jetzt war alles tausendmal intensiver, auf eine unausweichliche, konfrontative Weise, der sie sich einfach nicht entziehen konnte, ganz egal was sie tat. Früher… distanzierte sie sich einfach, auch wenn ihr die Auren anderer Wesen in ihrer Umgebung zu viel wurden, egal ob menschliche oder dämonische. Jetzt war es, als hätte ihr jemand jegliche Filter und Schutzmechanismen abgenommen, und obendrein war sie jeder Gefühlsregung, die ihr eigener Körper in einer gegebenen Situation hervorwürgte, zusätzlich noch hilflos ausgeliefert.

Das Valen bedeutete also permanente Reizüberflutung für sie – und dennoch war sie hier. Jeden Abend, zuverlässig. Weil es gleichzeitig auch ein Stück wie zuhause war… und weil hier niemand fragte, was sie brauchte oder wie es ihr ging. Niemand sah sie anders an als vorher. Wenn sie ihre eigene Aura maskierte, dann hielt sie hier weiterhin die Position, unter der sie bekannt war: Prinzessin der Hölle, Luzifers Tochter. Sie war kein verstümmeltes Abbild ihrer selbst, sie war einfach… Lilith. Unter all den Gefühlen, die sie so hatte, verschaffte dieses ihr in der Regel eine tröstliche Form von Erleichterung. Und womöglich war es genau das, was sie immer wieder hierher zog, auch wenn sie objektiv gesehen von mehr Ruhe vielleicht eher profitiert hätte: Ein kleines Stück von dem, was sie einmal gewesen war, und Linderung, die sie so verzweifelt suchte, aber nur schwerlich fand.

Und Linderung… die hatte auch Morrow für sie. Mammon hatte ihr empfohlen, sich mit ihm zu unterhalten – es war eines seiner unterstützenden Angebote, neben seinem bizarren Katalog und dem freien Zutritt zu all den spannenden Räumen, die der Club und der Rest dieses Gebäudes so boten. Es war nicht mehr als ein Name, den ihr Bruder ihr gegeben hatte, aber der war ausreichend gewesen. Sein Ruf eilte ihm voraus, und es gestaltete sich nicht besonders schwer, Morrow vor einigen Tagen im Club ausfindig zu machen.
Die Partnerschaft, die sie schlossen, gestaltete sich schnell und unkompliziert. Er handelte, mit allem – auch Dingen, die nicht verhandelbar waren. Kein Wunder also, dass sie sich auf Anhieb verstanden; war doch jedweden Kreaturen eben jene Dinge abzuknöpfen, die nicht verhandelbar waren, so lange Kern ihres eigenen Geschäfts gewesen. Aber Morrow war unter anderem so gut in seinem Job, weil er enorm aufmerksam war, und es waren nur Stunden vergangen, als er ihr erstmals die Tabletten anbot, die in den folgenden Tagen ihre nahezu einzige Erleichterung werden sollten.

Nox war keine Droge im eigentlichen menschlichen Sinn. Zumindest nicht für jene, für die sie ursprünglich geschaffen worden war. Menschen konnten mit ihr wenig anfangen – ihre Körper waren zu empfindlich, ihre Wahrnehmung zu begrenzt. Nox war für Wesen gemacht worden, deren Sinne und Emotionen weit über das hinausgingen, was ein menschlicher Geist normalerweise verarbeiten musste.
Seine Wirkung war entsprechend nicht berauschend, sondern dämpfend. Es legte sich wie eine unsichtbare Schicht zwischen ein Wesen und die Intensität seiner eigenen Wahrnehmung. Es unterdrückte keine Empfindung, sondern… entfernte sie nur ein wenig, und es schaffte Lilith die dringend nötige Distanz, die sie selbst nicht mehr herstellen konnte.
Der immer wieder aufkeimende Phantomschmerz wurde zu einem gut ignorierbaren Hintergrundpochen, die Trauer, die sie nie ganz loswurde, verlor ihre lähmende Schwere. Sie hatte nicht mehr ganz so häufig das Bedürfnis, ihre Hand auf ihr Brustbein zu pressen, wo sie den Verlust ihrer Gnade immer noch fühlte.
Es war das Einzige, was wirklich half.

Und so hatte sie ihn am heutigen Abend wieder aufgesucht, noch leicht high von ihrer letzten Dosis: Die Musik im Club gedämpfter, die Lichter angenehm, die Auren um sie herum anwesend, die meisten uninteressant, aber definitiv keine davon überwältigend.
„Ich brauche mehr“, hatte sie direkt verkündet. Kein Grund, sich mit Nichtigkeiten aufzuhalten.
„Du hattest erst gestern welche.“ Sie bedachte ihn mit einem Blick, der ihre verbale Reaktion erübrigte.
„Das Zeug ist nicht dafür gedacht, dass du es wie Aspirin nimmst, Lilith.“ Aber er zog dennoch eine der kleinen, schwarzen Schachteln aus seinem Jackett, während sie leicht zynisch antwortete.
„Dann verkauf’ mir etwas, das dafür gedacht ist.“ Er schnaubte, reichte ihr aber schließlich die Schachtel. Lilith nahm sie an sich und öffnete sie – ein kurzer, prüfender Blick genügte. Dann steckte sie sie ein.
„Was willst du dafür?“
„Deine Einschätzung.“ Interessiert – zum ersten Mal aufrichtig, an diesem Abend, sogar durch ihre gedämpfte Wahrnehmung – hob sie den Kopf. Er hob die andere Hand, und erstmals sah sie, dass er noch etwas bei sich trug. Womöglich war auch ihre Aufmerksamkeit ein wenig getrübt.
„Du kennst dich doch aus mit…“ Aber den Rest seines Satzes hörte sie gar nicht mehr, weil ihre getrübte Aufmerksamkeit sich plötzlich auf jemand anderen fokussierte, nachdem sie das unverkennbare Gefühl eines innehaltenden Blickes auf sich gespürt hatte.

So dunkel sie sich auch kleidete, so sehr sie sich bemühte, unauffällig an der Bar zu sitzen, und so high Lilith auch sein mochte – ihr Haar, ihre Schönheit, ihr Wesen, alles an ihr war rein. Sie blendete nicht so wie sonst, aber auch das schrieb Lilith dem teilweisen Verlust ihrer eigenen Fähigkeiten, gepaart mit ihrer gedämpften Wahrnehmung zu. Doch selbst auf die Distanz war Jezahel unverkennbar, jetzt, wo sie sie einmal wahrgenommen hatte.
„Entschuldige mich kurz.“ Sie ließ Morrow stehen und ging hinüber zur Bar. Ob es klug war, sich mit einem Engel anzulegen, in ihrem derzeitigen Zustand? Höchstwahrscheinlich nicht. Allerdings war Lilith nicht wirklich in bester Verfassung, um rational schlüssige Entscheidungen zu treffen, und derzeit ließ sie sich leiten von der Tatsache, dass jemand auf ihrem Terrain spielte, der hier absolut nicht hingehörte… und der Neugier, wie es dazu gekommen war.
„Du bist weit weg von deinem Zuständigkeitsbereich.“ Ihr Tonfall war ruhig, beinahe beiläufig, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt, Jezahel darauf hinzuweisen.


RE: A little less Hell - Jezahel White - 20.08.2026

Jezahel hatte durchaus damit gerechnet, dass Lilith sie früher oder später bemerken würde; womit sie weniger gerechnet hatte, war, dass Luzifers Tochter ihr die Entscheidung abnahm, ob und wann sie selbst die Distanz zwischen ihnen überbrücken wollte. Für einen kurzen Moment blieb ihr Blick deshalb noch bei Morrow, während Lilith sich bereits von ihm löste und auf die Bar zusteuerte, und fast automatisch registrierte sie dabei die kleine schwarze Schachtel, die kurz zuvor den Besitzer gewechselt hatte. Zu wenig, um daraus irgendeine brauchbare Schlussfolgerung zu ziehen. Morrow handelte mit Dingen, die auf gewöhnlichen Märkten nicht zu finden waren, und eine unscheinbare Verpackung konnte in seinem Geschäft vermutlich ebenso gut einen harmlosen Talisman wie etwas enthalten, das eine halbe Stadt in Schwierigkeiten brachte.
Dennoch prägte Jezahel sie sich ein, ebenso wie die Tatsache, dass Lilith offenbar nicht zufällig neben dem Mann gestanden hatte, den sie selbst seit einer halben Stunde suchte. Dass diese nun ausgerechnet zu ihr herüberkam, machte ihren Auftrag nicht unbedingt leichter, allerdings konnte sie kaum behaupten, dass der Abend damit weniger interessant geworden wäre.

Bei Liliths Begrüßung hob Jezahel lediglich ein wenig die Brauen, und für den Bruchteil einer Sekunde lag etwas beinahe Amüsiertes in ihrem Gesicht, ohne ihren warmen Ausdruck zu verlieren, der auch jetzt darauf lag. Ertappt fühlte sie sich jedenfalls nicht. Wenn irgendjemand glaubte, ihr erklären zu müssen, wo sie sich aufhalten durfte, dann war die Seelensammlerin nicht unbedingt die erste Instanz, deren Zuständigkeit ihr dabei eingefallen wäre.
„Interessant“, erwiderte sie deshalb ruhig und drehte das Glas zwischen ihren Fingern ein kleines Stück auf der dunklen Oberfläche der Bar, ehe sie Lilith wieder ansah. „Ich hätte schwören können, Los Angeles läge noch immer auf der Erde.“ Die Worte waren nicht scharf genug, um eine tatsächliche Provokation daraus zu machen, eher eine sanfte Erinnerung daran, dass Jezahel keinerlei Absicht hatte, sich für ihre Anwesenheit zu entschuldigen. Trotzdem blieb das angedeutete Lächeln nur kurz bestehen, denn nun, da Lilith unmittelbar vor ihr stand und nicht mehr mehrere Meter entfernt zwischen wechselndem Licht und anderen Gästen, fiel ihr etwas auf, das sich nur schwieriger beiseiteschieben ließ.
Beim letzten Mal hatte Lilith eine Präsenz besessen, die kaum zu übersehen gewesen war. Nicht allein deshalb, weil Jezahel gewusst hatte, was sie vor sich hatte, sondern weil an ihr etwas von jener Selbstverständlichkeit gelegen hatte, die sie von Engeln kannte: Dieses kaum greifbare Bewusstsein für eine Macht, die nicht erst herbeigerufen werden musste, weil sie Bestandteil des eigenen Wesens war. Jezahel hatte sie damals nicht mögen müssen, um das zu erkennen. Im Gegenteil. Und gerade die Tatsache, dass ausgerechnet dieses Geschöpf seine Gnade besaß, während ihre eigene seit so kurzer Zeit nur noch in Erinnerungen existierte, setzte sich gerade noch einmal mehr unangenehm tief in ihr fest.

Jetzt jedoch brauchte Jezahel einige Augenblicke, um überhaupt zu bestimmen, was sie störte. Lilith stand aufrecht, sprach deutlich und bewegte sich nicht wie jemand, der mehr Alkohol zu sich genommen hatte, als ihm guttat, und dennoch wirkte ihre Aufmerksamkeit merkwürdig abgefedert, als läge zwischen ihr und dem Raum eine dünne Schicht, durch die Geräusche, Licht und Bewegungen erst hindurchdringen mussten, bevor sie sie erreichten.
Jezahels Blick glitt einen Moment über ihr Gesicht, aufmerksam, ohne dabei unverhohlen zu starren. Alkohol erschien ihr unwahrscheinlich. Erschöpfung vielleicht, auch wenn sie sich schwer vorstellen konnte, dass gewöhnliche Müdigkeit bei Lilith genau diesen Eindruck hinterließ. Eine Verletzung hätte sie ebenfalls nicht ausgeschlossen, doch nichts an ihrer Haltung deutete unmittelbar darauf hin.
Damit blieb noch eine wesentlich naheliegendere Möglichkeit, besonders nachdem sie gesehen hatte, woher Lilith gerade gekommen war und was Morrow ihr übergeben hatte. Irgendeine Substanz also. Was genau, konnte sie nicht wissen und es wäre voreilig gewesen, aus einer schwarzen Schachtel und einem etwas veränderten Verhalten bereits eine Geschichte zusammenzusetzen, die womöglich überhaupt nicht stimmte. Trotzdem schob sie die Beobachtung gedanklich dorthin, wo sie auch all die anderen kleinen Details dieses Abends sammelte. Morrow war nicht dafür bekannt, Dinge zu verkaufen, die man ebenso gut in der nächsten Apotheke bekam. Doch selbst diese Erklärung reichte nicht ganz aus.
Etwas anderes an Lilith war verändert, und je länger Jezahel sie betrachtete, desto deutlicher wurde das eigentümliche Unbehagen, das sie nicht sauber benennen konnte. Es war weniger etwas, das ihre Augen wahrnahmen, als ein alter Instinkt, der längst hätte verkümmern dürfen und sich offenbar trotzdem weigerte, vollständig zu verschwinden. Jahrhunderte hatte sie andere Engel nicht allein gesehen, sondern auf eine Art erkannt, die sich nur schwer in menschliche Begriffe übersetzen ließ. Gnade war kein Schmuckstück, das man trug, kein Licht, das ständig sichtbar um einen herum schimmerte, und dennoch hatte sie zu einem Engel gehört wie Herzschlag und Atem zu einem Menschen. Bei Lilith hatte Jezahel sie bei ihrer ersten Begegnung gespürt. Jetzt suchte etwas in ihr unwillkürlich nach genau diesem vertrauten Eindruck – und fand ihn nicht dort, wo sie ihn erwartete. Ihre Stirn legte sich kaum merklich in Falten.
Vielleicht verbarg Lilith ihre Aura? Oder war es eine Nebenwirkung dessen, was auch immer Morrow ihr verkauft hatte? Vielleicht lag es an diesem Ort, an der Menge übernatürlicher Energien, die sich hier gegenseitig überlagerten und selbst Jezahels Wahrnehmung zuweilen mit mehr Eindrücken versorgten, als hilfreich war… dieses Gefühl blieb hartnäckig bestehen, selbst nachdem sie versucht hatte, es vernünftig einzuordnen.
Die Erkenntnis brachte eine unangenehme Resonanz mit sich, deren Ursprung Jezahel lieber nicht näher untersuchte. Zu vertraut war dieses kaum erklärbare Fehlen von etwas, das eigentlich da sein sollte; zu frisch die eigene Erfahrung damit, morgens aufzuwachen und noch vor dem Öffnen der Augen für einen winzigen Moment davon auszugehen, dass nichts sich verändert hatte, nur damit der eigene Körper einen Sekundenbruchteil später nach Kräften griff, die nicht mehr antworteten. Sie schob den Gedanken fort, bevor er sich weiter entfalten konnte. Dass Lilith heute anders auf sie wirkte, bedeutete nicht, dass ihr dasselbe widerfahren war, und allein die Vermutung erschien Jezahel zu gewagt, um sie ernsthaft weiterzuverfolgen. Vor allem hatte sie keinen Grund, Luzifers Tochter plötzlich mit jener Fürsorge zu begegnen, die sie einem verletzten Menschen selbstverständlich entgegengebracht hätte. Dafür erinnerte sie sich noch deutlich genug an einen Toten und an eine Seele, die Lilith vor ihren Augen mit sich genommen hatte.

Ihr Blick löste sich deshalb für einen Moment von ihr und wanderte scheinbar beiläufig an ihrer Schulter vorbei. Morrow befand sich noch dort, wo Lilith ihn zurückgelassen hatte, und soweit Jezahel erkennen konnte, war auch der Gegenstand weiterhin in seinem Besitz. Gut. Wenigstens hatte sich innerhalb der letzten Minute nicht auch noch dieser Teil ihres Abends entschieden, komplizierter zu werden. Dennoch stellte Liliths offensichtliche Bekanntschaft mit dem Händler eine zusätzliche Variable dar, die der Rat in seinen spärlichen Informationen nicht erwähnt hatte. Vielleicht hatte ihr Gespräch nichts mit dem Artefakt zu tun. Vielleicht hatte es ausschließlich um den Inhalt jener schwarzen Schachtel gegangen. Vielleicht wusste Lilith aber auch wesentlich mehr über Morrows heutige Geschäfte, als Jezahel nach stundenlanger Vorbereitung in Erfahrung gebracht hatte. Keine der Möglichkeiten war etwas, das sie jetzt offen ansprechen wollte, solange sie nicht einmal wusste, weshalb Lilith überhaupt zu ihr gekommen war.

Als Jaze sich ihr wieder vollständig zuwandte, war ihre Haltung deshalb weniger abweisend, als ihre Vorsicht vielleicht nahegelegt hätte. Misstrauen war schließlich kein Grund für Unhöflichkeit, und sie hatte in ihrem langen Leben gelernt, dass man meistens mehr erfuhr, wenn man seinem Gegenüber nicht bereits mit gezückter Klinge begegnete – sinnbildlich oder tatsächlich.
Dazu kam, dass Lilith momentan ohnehin nicht wirkte, als wäre sie eigens durch den Raum gekommen, um einen Kampf anzufangen. Was sie stattdessen wollte, blieb der Blonden allerdings ein Rätsel. Sie konnte schlecht wissen, dass allein ihre Nähe bereits einen Unterschied machte, und hätte sie überhaupt bemerkt, dass Lilith länger bei ihr verweilte, als für einen kurzen territorialen Hinweis notwendig gewesen wäre, hätte sie vermutlich zuerst nach einer weit weniger schmeichelhaften Erklärung gesucht. Dass sie ausgehorcht werden sollte, etwa. Dass Lilith herausfinden wollte, weshalb sie sich im Valen aufhielt. Oder dass sie sie ganz bewusst von dem Mann fernhielt, mit dem sie eben noch gesprochen hatte.

Jezahel nahm schließlich ihr Glas wieder auf und führte es an die Lippen, ohne Lilith dabei aus den Augen zu lassen, trank einen kleinen Schluck und stellte es anschließend ebenso ruhig zurück. Dass ihre bloße Anwesenheit etwas von jener sanften, kaum merklichen Wärme mit sich brachte, die Menschen in ihrer Nähe manchmal ruhiger atmen ließ, nahm sie selbst schon lange nicht mehr bewusst wahr; sie war kein Werkzeug, nach dem sie greifen musste, solange sie niemandem gezielt Trost schenken wollte, sondern eher ein leiser Bestandteil dessen, was nach allem, was ihr genommen worden war, offenbar trotzdem noch von ihr übrig geblieben war. Jezahel dachte in diesem Moment jedenfalls nicht daran, sie einzusetzen. Sie dachte an Morrow, an das Artefakt, an die schwarze Schachtel und an die Frau vor sich, die sich auf eine Weise verändert hatte, die ihr ehemaliger Engelinstinkt bemerkte, ohne ihr erklären zu können, weshalb.
Erst dann erschien wieder ein kleines, wesentlich freundlicheres Lächeln in ihren Mundwinkeln, während sie mit einem flüchtigen Blick auf ihr eigenes Glas deutete. „Ich nehme an, du bist nicht nur herübergekommen, um mir etwas von der Getränkekarte zu empfehlen?“


RE: A little less Hell - Lilith - 25.08.2026

Jezahels Antwort auf ihre einleitenden Worte war bestimmt, aber nicht defensiv oder abweisend. Im Gegenteil, sie sah sogar auf subtile Weise erheitert aus, als ihre Anwesenheit im Valen in seiner Ungewöhnlichkeit ausgedeutet wurde, eine Tatsache die Lilith deutlich unterhaltsam fand. Der Umgang mit ihresgleichen – egal ob nun mit Vertretern der Erzengelriege, wie Michael oder Raphael, oder aufrichtigen, überzeugend dienenden Kämpfern, wie Jezahel eine war – bewegte sich einfach auf einem ganz anderen Level, als das bei den restlichen Lebewesen auf dieser Ebene der Fall war. Sie waren alle eins, irgendwie, auch wenn sie auf unterschiedlichen Seiten standen, und sie kannten und verstanden einander, ihre Lebensweise, die Stärken und Schwächen der anderen, wie ihre Körper und Kräfte funktionierten, und wo deren Grenzen lagen. Es gab nur wenige Spezies auf der Erde, die nicht vor der inhärenten Macht, die die Engel innehatten, instinktiv zurückscheuten.
Umso erfrischender war es, einem von ihnen zu begegnen, ganz gleich welcher Natur diese Begegnung auch sein mochte. Denn auch, wenn sie unterschiedliche Seiten des Gleichgewichtes bespielten – am Ende des Tages war es doch genau das, ein Gleichgewicht, sorgsam aufgestellt und in Balance gehalten von all ihren jeweiligen Handlungen. Sie befolgten Regeln, manche davon offensichtlich, andere subtiler, aber alle davon so bekannt, dass niemand sie vollkommen überwarf. Sie töteten einander nicht, sofern nicht unabdingbar; alles dazwischen waren Spielzüge, die manchmal zugunsten der einen, manchmal der anderen Seite ausfielen. Und wie jedes Spiel war auch dieses am unterhaltsamsten mit einem ebenbürtigen Mitspieler – oder einer Spielerin, in diesem Fall.

Der Aussage, dass Los Angeles zum aktuellen Stand noch immer auf der Erde lag, begegnete Lilith mit einem belustigten Blitzen in ihren Augen, während sie sich locker an den Tresen der Bar lehnte, einen Unterarm darauf abgestützt.
„Tut es. Aber manche Orte haben ihre eigenen Grenzen–“ Souveräne Staaten in fremdem Hoheitsgebiet, wenn man so wollte, die eigenständig regiert wurden und dementsprechend auch ihren eigenen Gesetzen unterlagen.
„–und wenn man nicht aufpasst, dann steht man an ihnen mit einem Fuß in der Hölle.“
Ihr Tonfall war keineswegs drohend, eher im Gegenteil. In Liliths Augen war die Hölle kein verabscheuungswürdiger Ort, es war ihr Zuhause. Sie war nie selbst im Himmel gewesen, also fehlten ihr die Erfahrungen aus erster Hand, aber nach allem, was sie über diesen Ort gehört oder erschlossen hatte, ob nun von Gabriel oder aufgrund des Verhaltens der anderen Engel, war es in ihren Augen auch kein sonderlich erstrebenswertes Ziel. All die Restriktionen, denen man unterlag, die Grenzen dessen, was toleriert wurde, die Geißelung, irgendwelchen willkürlichen Aufgaben nachzugehen, um den Menschen zu dienen. Nein… ein Ausflug in die Hölle war keine Drohung, sondern vielmehr eine Offenbarung, und genau so sprach sie auch davon.
Liliths Blick glitt für einen Moment über Jezahels gesamte Erscheinung, ihren Körper, ganz in schwarz gehüllt und in so starkem Kontrast zu ihrer ansonsten hellen, engelsgleichen Erscheinung. Dann hob sie ihn langsam wieder, sodass er erneut ihre Augen fand. Der sanfte Anflug eines Lächelns umspielte ihre Lippen.
„Wobei ich nicht ganz sicher bin… ob die Hölle dich so einfach wieder gehen lassen würde.“ Vermutlich war ihr Tonfall deutlich lockerer, als man erwarten könnte, in Anbetracht dessen, dass sie so lange Zeit Rivalinnen (gewesen?) waren. Auswirkungen ihres derzeitigen Zustandes? Möglich. Immerhin arbeitete sie nicht, schon seit Tagen nicht mehr. Es gab keine Aufgabe, der sie nachging, keinen Vertrag, den sie zu schließen hatte… keine Seele, die ihrer Aufmerksamkeit bedurfte. Sie war ausnahmsweise einfach nur hier, weil sie hier sein wollte, zu nichts weiter als ihrem persönlichen Vergnügen – oder dem Zeitvertreib, je nachdem, wie der Abend so verlief. Warum sollte sie also ausgerechnet jetzt einen Streit vom Zaun brechen?
Wenn zu besagtem Zeitvertreib dann eine Unterhaltung mit Jezahel gehörte, in Ordnung. Immerhin war sie interessant. Und vielleicht war es irgendwie auch genau das, was sie hier verweilen ließ: Die ungewohnte Freiheit, in diesem Moment einmal nichts erreichen, leisten oder gewinnen zu müssen. Vielleicht hatte sie deshalb auch keinen Grund dafür, jedes Wort vorher auf all seine möglichen Konsequenzen hin abzuwägen. Es hatte einfach in diesen Augenblicken keinerlei Relevanz für sie – geschweige denn genug Gewicht, um ihr Handeln zu beeinflussen. Und am Ende des Tages musste Lilith wahrscheinlich auch nicht jede interessante Unterhaltung in einen strategischen Vorteil für sich verdrehen.

Und im Grunde war das tatsächlich der Grund, warum sie hergekommen war: Anders als sie machte Jezahel nicht den Eindruck, als wäre sie zu Unterhaltungszwecken hier. Zu aufmerksam war ihr Blick, zu umfassend die Eindrücke, die sie offensichtlich viel schneller aufzunehmen und zu katalogisieren schien, als Lilith sich bemühen wollte zu verfolgen. Sie schien durchaus ein Ziel zu haben, einen Auftrag, an dem sie arbeitete, und wenn Lilith eines war, dann war es neugierig.
Jezahel und sie waren in der Vergangenheit häufiger mal aneinander geraten, weil gerade Lilith sich schwer tat damit, die besagten Regeln, nach denen sie alle ihre Züge durchführten, als absolut und unverhandelbar zu akzeptieren.
Weil sie gerne Schlupflöcher suchte, um die strikten Vorgaben in diesem nie endenden, kosmischen Spiel, das zwischen Himmel und Hölle bestand, zu testen und herauszufordern.
Weil sie ihr Seelen gestohlen hatte – oder in manchen Fällen versucht hatte, sie zu stehlen, nicht immer erfolgreich –, die eigentlich für den Aufstieg in den Himmel gedacht waren. Und während die Kriegerin in Jezahel niemals vor einer direkten Konfrontation mit ihr zurückgeschreckt war und sie jederzeit gerne herausgefordert hatte, um den Verbleib der betroffenen Seele zu kämpfen, war sie ihr doch niemals in die Hölle gefolgt, um sie zurückzufordern, sobald Lilith sie einmal hatte. Die Schwelle zu übertreten, die ihre eigene Zugehörigkeit zum Himmelreich hätte riskieren können, war immer eine Grenze gewesen, vor der sie zurückzuscheuen schien; Jezahel wusste offenbar, wo sie hingehörte und setzte diese Tatsache auch nicht aufs Spiel.
Oder zumindest hatte Lilith sie so kennengelernt.
Umso überraschender war es für sie, sie heute Abend hier anzutreffen, im Club ihres Bruders, in dem ein Laster das andere jagte. Wie auch immer der Auftrag aussah, den sie verfolgte, er musste entsprechend gewichtig sein, wenn sie den Weg hierher fand… oder etwas an ihr hatte sich verändert. Etwas, das ihre bisher so deutlichen und klaren Grenzen verschoben hatte. Konnte das möglich sein? Eine der hellsten Kriegerinnen der Mächte, Vorzeigebeispiel für Pflichtbewusstsein und Tugend, und jetzt war sie… was?
Aber Lilith war nicht in der Lage, den Gedanken zu Ende zu führen. Zu trüb war ihre Aufmerksamkeit, zu unerreichbar ihr Bezug zu den Fähigkeiten, die sie noch hatte, zumindest jetzt gerade. Vielleicht später, wenn sie wieder etwas klarer bei Verstand war.

Und bis dahin… konnte sie sich hier auch ein wenig die Zeit vertreiben. So unerwartet diese Begegnung auch gewesen sein mochte, eins würde sie vermutlich nicht werden, und das war langweilig. Jezahel war kompetent, in dem was sie tat, und sie war klug, dem Intellekt von 99% des anwesenden Klientel hier deutlich überlegen. Warum sollte sie sich nicht eine Weile mit ihr beschäftigen?
Einer der Gründe: Womöglich war sie zu klug. Zuerst schien sie auf irgendetwas zu warten – oder irgendwen –, den Raum zu beobachten, konstant. Eine Sekunde lang fühlte auch Lilith sich unangenehm beobachtet, aber Jezahels Blick verweilte nie lange genug, als dass sie sich wirklich sicher sein konnte, dass es nicht nur diesem gewissen Misstrauen zu verdanken war, das sie derzeit mit sich herumtrug wie einen Mantel, den sie einfach nicht ablegen konnte. Konnte sie sie sehen? Alles an ihr, hinter die Maske, die sie inzwischen so routiniert und gekonnt aufsetzte, wenn sie sich in diesen Räumen bewegte?
Sollte dem so sein, dann ließ Jezahel sich zumindest nichts anmerken, und so schnell das heimsuchende Gefühl aufgekommen war, so schnell löste es sich seltsamerweise auch wieder. Vielleicht ebenfalls deshalb, weil keines von Liliths Gefühlen in ihrem aktuellen Rauschzustand sonderlich lange blieb – daher schätzte sie Nox so sehr. Es war alles… viel weniger wichtig. Misstrauen und Zweifel wichen einem viel angenehmerem Gefühl der Gleichgültigkeit. Wobei, mehr noch – diese Unterhaltung war ihr nicht gleichgültig, sie wurde viel mehr… unterhaltsam.

Auf die subtil suggestive, aber weiterhin offen freundliche Frage, ob sie lediglich hier war, um etwas von der Getränkekarte zu empfehlen, hob Lilith lediglich eine Augenbraue, ein kaum merkliches, verschmitztes Lächeln auf den Lippen.
„Könnte ich, wenn du interessiert bist“, entgegnete sie souverän, drehte sich ein Stück weit um, und hob zwei Finger. Mehr war nicht nötig, um den Barkeeper auf sich aufmerksam zu machen, er hatte sie längst bemerkt, als sie an die Bar gekommen war. Lilith bevorzugte ihre Drinks tendenziell schwerer und eher auf der bitteren Seite – Jezahel schätzte sie allerdings eher auf der frischeren, perligeren Seite der Cocktailauswahl ein. Entsprechend schmucklos gab sie neben ihrer eigenen auch eine zweite Bestellung auf, ohne sich unnötig lange damit aufzuhalten. Erst danach wandte sie sich wieder ihrem Gespräch zu.
„Ich kann mir nur schwer vorstellen, dass du deine Abende bevorzugt an einem Ort wie diesem hier verbringst“, griff sie schließlich ihren Punkt von zuvor noch einmal auf. Allerdings deutlich weniger provokant, als vielmehr geprägt von aufrichtigem Interesse, wie es nur jemand aufbrachte, der aktuell sonst keinerlei Verpflichtungen zu erfüllen hatte.
„Welcher Auftrag ist also wichtig genug, dass du dafür eine Ausnahme machst?“


RE: A little less Hell - Jezahel White - 25.08.2026

Jezahel hatte durchaus erwartet, dass Lilith sie früher oder später bemerken würde; womit sie weniger gerechnet hatte, war, dass Luzifers Tochter die Distanz zwischen ihnen so selbstverständlich überbrückte und sich an den Tresen lehnte, als wäre ihre erste Bemerkung kaum mehr als die Begrüßung einer alten Bekannten gewesen. Gerade diese Ungezwungenheit beschäftigte Jezahel fast ebenso sehr wie der merkwürdig gedämpfte Eindruck, den Lilith auf sie machte. Bei ihren früheren Begegnungen hatte sie selten gesprochen, ohne gleichzeitig irgendeine Grenze auszuloten, eine Reaktion zu provozieren oder schon den nächsten Schritt mitzudenken. Jetzt wirkte es beinahe, als wäre sie tatsächlich nur herübergekommen, weil ihr gerade danach gewesen war. Wie konnte das sein?! Als kreativ neu erfundenes Spiel? Jezahel hatte lange genug gelebt, um ungewöhnliche Freundlichkeit nicht automatisch mit Harmlosigkeit zu verwechseln.

Bei Liliths Hinweis auf die eigenen Grenzen solcher Orte sank ihr Blick dennoch für einen Augenblick bis zu den Spitzen ihrer schwarzen Stiefeletten, ehe sich ein kleines Lächeln um ihre Lippen legte. „Dann sollte ich wohl darauf achten, wo ich hintrete, was?“
Leicht gesagt, beinahe beiläufig, obwohl sich die Worte einen Moment länger in ihr hielten, als sie sollten. Ja, früher hatte sie immer gewusst, wo sie selbst stand, wem sie angehörte und welche Schwelle sie überschritt, oder sich zu weit in fremdes Gebiet wagte. Diese Gewissheit war nicht vollständig mit ihrer Gnade verschwunden, aber sie hatte Risse bekommen, die sie lieber nicht genauer betrachtete. Doch sie spürte sie überdeutlich.
Lilith machte es ihr nicht leichter, als ihr Blick über Jezahels Erscheinung wanderte und sie anschließend wissen ließ, sie sei nicht sicher, ob die Hölle sie so einfach wieder gehen ließe. Für einen kurzen Augenblick regte sich tatsächlich die Frage, was sie heute noch davor schützen würde, wenn es jemand ernsthaft darauf anlegte. Einst wäre die Antwort denkbar einfach gewesen: Ihre Gnade, ihre Stellung, Kräfte, die sie aus einer Situation getragen hätten, lange bevor sie einen Ausgang hätte suchen müssen. Heute besaß sie nichts davon mehr. Jezahel ließ den Gedanken nicht weiter zu, nicht heute Abend. „Ich hatte eigentlich vor, es nicht darauf ankommen zu lassen“, erwiderte sie stattdessen ruhig und ihr Gesicht blieb dabei betont unbewegt.
Erst dabei fiel ihr auf, was Lilith offenbar nicht bemerkte. Sie sprach mit ihr noch immer wie mit der Jezahel, die sie kannte. Kein Zögern, kein prüfender Blick, keine erkennbare Irritation deutete darauf hin, dass ihr aufgefallen war, wie grundlegend sich etwas verändert hatte. Für Lilith schien vor ihr weiterhin dieselbe Kriegerin zu stehen, mit der sie einst um Seelen und Grenzen gerungen hatte. Warum ihr das entging, wusste Jezahel nicht. Vielleicht lag es an ihrem gegenwärtigen Zustand, vielleicht an der Vielzahl fremder Auren im Club oder schlicht daran, dass der Verlust von außen weniger offensichtlich war, als er sich für Jezahel selbst anfühlte. Sie gedachte jedenfalls nicht, sie aufzuklären.

Dass Lilith im nächsten Augenblick tatsächlich auf ihre Bemerkung über die Getränkekarte einging, überraschte sie sichtbar mehr. Jezahel hob leicht die Brauen, als zwei Finger genügten, um den Barkeeper reagieren zu lassen, und sah ihr beinahe belustigt dabei zu, wie sie ohne weitere Rückfrage gleich zwei Bestellungen aufgab.
Als wenig später ein schlankes Glas vor ihr abgestellt wurde, erkannte Jezahel den French 75 bereits an der hellen, fein perlenden Mischung und der schmalen Zitronenzeste. Gin, Zitrone, etwas Süße und Schaumwein – frisch genug, dass Lilith mit ihrer Einschätzung erstaunlich nah getroffen hatte. Sie probierte einen kleinen Schluck, ließ die Säure der Zitrone und den trockenen Gin einen Moment auf sich wirken und hob schließlich einen Mundwinkel anschließend doch zu einem leichten Grinsen. „Nicht schlecht, auch wenn ich heute nicht vorhatte, einen Cocktail zu trinken.“
Während Lilith sprach, wanderte Jezahels Aufmerksamkeit dennoch immer wieder auf sie zurück. Aus der Nähe bestätigte sich nur, was ihr bereits zuvor aufgefallen war. Lilith wirkte weder betrunken noch orientierungslos, und dennoch schien zwischen ihr und den Eindrücken des Clubs eine gewisse Distanz zu liegen. Ihre Aufmerksamkeit war nicht stumpf, sondern abgefedert, ihre Bewegungen sicher, ihre Worte klar, nur die sonst so unmittelbare Schärfe ihrer Präsenz wirkte verändert. Eine Substanz erklärte einiges davon. Jezahel hatte schließlich gesehen, woher sie gekommen war und was Morrow ihr übergeben hatte, auch wenn sie weder wusste, was sich in der schwarzen Schachtel befand, noch ob Lilith bereits zuvor etwas davon genommen hatte.
Nur erklärte es nicht alles. Da blieb dieser schwer greifbare Eindruck, dass etwas an ihr nicht mehr auf dieselbe Weise vorhanden war wie bei ihrer letzten Begegnung. Jezahel hätte es nicht sauber benennen können, doch ein alter Instinkt suchte noch immer nach etwas Vertrautem und fand es nicht dort, wo es sein sollte. Vielleicht verbarg Lilith ihre Aura besser. Vielleicht veränderte das Mittel nicht nur ihre Wahrnehmung, sondern auch die Wirkung, die sie auf andere ausübte. Vielleicht gab es eine vollkommen andere Erklärung. Sicher war Jezahel nur, dass sie sich den Unterschied nicht einbildete.

Trotzdem war es weniger Sorge als Wachsamkeit, mit der sie Lilith betrachtete. Dass diese momentan ungewöhnlich ungezwungen erschien, machte sie nicht automatisch ungefährlich; beinahe irritierender war, dass Jezahel bislang keinen offensichtlichen Zweck hinter dieser Unterhaltung entdecken konnte. Lilith stand einfach hier, trank mit ihr und schien sich tatsächlich zu unterhalten. Für jemanden, der sonst selten ein Wort ohne Absicht verschwendete, war das bemerkenswert genug.
Jezahels Blick glitt kurz an ihr vorbei. Morrow war noch dort, wo Lilith ihn zurückgelassen hatte, und soweit sie erkennen konnte, befand sich auch das Artefakt weiterhin in seinem Besitz. Gut. Sie musste ihn nicht permanent ansehen, um seine Position im Raum zu kennen, und solange sich daran nichts änderte, konnte sie sich ein paar Minuten leisten. Dass Lilith ihn offenbar kannte, machte sie dabei ungewollt auch für ihren Auftrag interessanter. Die schwarze Schachtel hatte nach einem Geschäft ausgesehen, ihre Vertrautheit zumindest nicht nach einer ersten Begegnung. Trotzdem hatte Jezahel nicht vor, mit direkten Fragen darauf hinzuweisen, wie genau sie ihre Umgebung beobachtet hatte.

Als Lilith schließlich aussprach, was ohnehin offensichtlich war, ließ Jezahel das Glas langsam wieder sinken. Dass sie erkannt hatte, dass Jezahel arbeitete, überraschte sie kaum; privat hätte sie sich ihren Abend wohl tatsächlich nicht ausgerechnet hier ausgesucht. Einen Grund, ihr deshalb Einzelheiten zu liefern, gab es trotzdem nicht. „Einer, über den ich an einem Ort wie diesem vermutlich besser nicht zu ausführlich spreche.“ Ihr Ton blieb freundlich, das kleine Lächeln ebenfalls, doch die Grenze darin war deutlich genug.
Für einen Moment ließ sie ihren Blick auf Lilith ruhen, ehe er kurz in die Richtung wanderte, aus der sie gekommen war, ohne lange genug bei Morrow zu verweilen, um daraus einen offenen Hinweis zu machen. Dann wandte Jezahel sich ihr wieder vollständig zu, und diesmal lag etwas mehr Amüsement in ihrer Stimme. „Du warst allerdings gerade selbst beschäftigt. Was macht meinen Abend plötzlich interessanter als deinen?“ fragte sie, bevor sie das Glas erneut an ihre Lippen setzte.