20.08.2026, 00:06
(Dieser Beitrag wurde zuletzt bearbeitet: 20.08.2026, 20:59 von Buffy Summers.)
Seit ihrer Rückkehr vor ein paar Tagen hatte Lilith ein ambivalentes Verhältnis zum Valen. Es gab keinen anderen Ort, an dem sie sich gleichzeitig so heimisch und doch so vollkommen fremd fühlte. Der Club an sich war ein Geschenk – perfekt durchdacht bis ins kleinste Detail, kein Wunsch blieb offen. Unendliche Möglichkeiten für all das, worüber bei Tag niemand sprechen wollte. Früher hätte sie den Großteil ihrer Geschäfte hier abgewickelt, sich souverän bewegt in dieser Welt, die sie besser kannte und navigieren konnte als jede andere, eine Welt geprägt von Machtspielen, Begierde, Handel, Versuchung. Sie wusste, wie Menschen funktionierten und sie wusste, wie Dämonen funktionierten – alle von ihnen. Sie las ihre innersten Wünsche wie ein Buch und nahm ihnen das ab, was ihnen am teuersten war. Sie wusste zu jedem Zeitpunkt, was sie wollte und was sie zu tun hatte.
All das existierte hier auch noch: Die Menschen, die Dämonen, die zwielichtigen Geschäfte, das Verlangen, das sich im Laufe des Abends direkt hier oder in diversen Separées entlud. Die schiere Hitze mit der der Club zu fortgeschrittener Stunde förmlich pulsierte, wenn man – wie sie – ein dafür empfängliches Wesen war und derartige Prozesse wahrnehmen konnte.
Bis vor kurzem war genau das ihre Welt gewesen.
Aber jetzt… gehörte sie nicht mehr dazu. Nicht wirklich. Ihrer Gnade beraubt, immer wieder Phantomschmerzen und den Drang, mental nach ihren Flügeln zu tasten. Ohne Aufgabe, ohne Bestimmung. Ziellos, verloren.
Alle betonten, dass es nicht so furchtbar war, wie sie dachte, dass es nicht ihre Gnade war, die sie ausmachte. Aber es fiel Lilith unfassbar schwer, herauszufinden was genau von ihr noch übrig war, jenseits davon – hauptsächlich deshalb, weil sie ständig geplagt war von irgendeiner oder anderen elendigen Emotion, die ihren Kopf vernebelte, sodass sie gar keinen klaren Gedanken fassen konnte.
Es war schier unmöglich zu sagen, welche sie am meisten hasste. Trauer war ganz vorn mit dabei, in jedem Fall, sie lähmte ihren Körper in manchen Situationen so sehr, dass es eine Herausforderung war, morgens überhaupt aufzustehen. Sorge fühlte sich ähnlich schrecklich an. Angst. Aber auch vermeidlich ‚positive‘ Dinge, die sie zu verabscheuungswürdigen Handlungen anstacheln wollten, zu denen sie sich früher nicht einmal im Traum herabgelassen hätte. Zuneigung, Dankbarkeit. Wertschätzung. Und das war nur ein Bruchteil – in den überwiegendsten Fällen konnte sie gar nicht genau zuordnen, was sie fühlte, ehe es wieder in etwas anderes umschlug.
Es war nicht so, als hätte sie mit ihrer Gnade keinerlei Empfindungen gehabt. Aber jetzt war alles tausendmal intensiver, auf eine unausweichliche, konfrontative Weise, der sie sich einfach nicht entziehen konnte, ganz egal was sie tat. Früher… distanzierte sie sich einfach, auch wenn ihr die Auren anderer Wesen in ihrer Umgebung zu viel wurden, egal ob menschliche oder dämonische. Jetzt war es, als hätte ihr jemand jegliche Filter und Schutzmechanismen abgenommen, und obendrein war sie jeder Gefühlsregung, die ihr eigener Körper in einer gegebenen Situation hervorwürgte, zusätzlich noch hilflos ausgeliefert.
Das Valen bedeutete also permanente Reizüberflutung für sie – und dennoch war sie hier. Jeden Abend, zuverlässig. Weil es gleichzeitig auch ein Stück wie zuhause war… und weil hier niemand fragte, was sie brauchte oder wie es ihr ging. Niemand sah sie anders an als vorher. Wenn sie ihre eigene Aura maskierte, dann hielt sie hier weiterhin die Position, unter der sie bekannt war: Prinzessin der Hölle, Luzifers Tochter. Sie war kein verstümmeltes Abbild ihrer selbst, sie war einfach… Lilith. Unter all den Gefühlen, die sie so hatte, verschaffte dieses ihr in der Regel eine tröstliche Form von Erleichterung. Und womöglich war es genau das, was sie immer wieder hierher zog, auch wenn sie objektiv gesehen von mehr Ruhe vielleicht eher profitiert hätte: Ein kleines Stück von dem, was sie einmal gewesen war, und Linderung, die sie so verzweifelt suchte, aber nur schwerlich fand.
Und Linderung… die hatte auch Morrow für sie. Mammon hatte ihr empfohlen, sich mit ihm zu unterhalten – es war eines seiner unterstützenden Angebote, neben seinem bizarren Katalog und dem freien Zutritt zu all den spannenden Räumen, die der Club und der Rest dieses Gebäudes so boten. Es war nicht mehr als ein Name, den ihr Bruder ihr gegeben hatte, aber der war ausreichend gewesen. Sein Ruf eilte ihm voraus, und es gestaltete sich nicht besonders schwer, Morrow vor einigen Tagen im Club ausfindig zu machen.
Die Partnerschaft, die sie schlossen, gestaltete sich schnell und unkompliziert. Er handelte, mit allem – auch Dingen, die nicht verhandelbar waren. Kein Wunder also, dass sie sich auf Anhieb verstanden; war doch jedweden Kreaturen eben jene Dinge abzuknöpfen, die nicht verhandelbar waren, so lange Kern ihres eigenen Geschäfts gewesen. Aber Morrow war unter anderem so gut in seinem Job, weil er enorm aufmerksam war, und es waren nur Stunden vergangen, als er ihr erstmals die Tabletten anbot, die in den folgenden Tagen ihre nahezu einzige Erleichterung werden sollten.
Nox war keine Droge im eigentlichen menschlichen Sinn. Zumindest nicht für jene, für die sie ursprünglich geschaffen worden war. Menschen konnten mit ihr wenig anfangen – ihre Körper waren zu empfindlich, ihre Wahrnehmung zu begrenzt. Nox war für Wesen gemacht worden, deren Sinne und Emotionen weit über das hinausgingen, was ein menschlicher Geist normalerweise verarbeiten musste.
Seine Wirkung war entsprechend nicht berauschend, sondern dämpfend. Es legte sich wie eine unsichtbare Schicht zwischen ein Wesen und die Intensität seiner eigenen Wahrnehmung. Es unterdrückte keine Empfindung, sondern… entfernte sie nur ein wenig, und es schaffte Lilith die dringend nötige Distanz, die sie selbst nicht mehr herstellen konnte.
Der immer wieder aufkeimende Phantomschmerz wurde zu einem gut ignorierbaren Hintergrundpochen, die Trauer, die sie nie ganz loswurde, verlor ihre lähmende Schwere. Sie hatte nicht mehr ganz so häufig das Bedürfnis, ihre Hand auf ihr Brustbein zu pressen, wo sie den Verlust ihrer Gnade immer noch fühlte.
Es war das Einzige, was wirklich half.
Und so hatte sie ihn am heutigen Abend wieder aufgesucht, noch leicht high von ihrer letzten Dosis: Die Musik im Club gedämpfter, die Lichter angenehm, die Auren um sie herum anwesend, die meisten uninteressant, aber definitiv keine davon überwältigend.
„Ich brauche mehr“, hatte sie direkt verkündet. Kein Grund, sich mit Nichtigkeiten aufzuhalten.
„Du hattest erst gestern welche.“ Sie bedachte ihn mit einem Blick, der ihre verbale Reaktion erübrigte.
„Das Zeug ist nicht dafür gedacht, dass du es wie Aspirin nimmst, Lilith.“ Aber er zog dennoch eine der kleinen, schwarzen Schachteln aus seinem Jackett, während sie leicht zynisch antwortete.
„Dann verkauf’ mir etwas, das dafür gedacht ist.“ Er schnaubte, reichte ihr aber schließlich die Schachtel. Lilith nahm sie an sich und öffnete sie – ein kurzer, prüfender Blick genügte. Dann steckte sie sie ein.
„Was willst du dafür?“
„Deine Einschätzung.“ Interessiert – zum ersten Mal aufrichtig, an diesem Abend, sogar durch ihre gedämpfte Wahrnehmung – hob sie den Kopf. Er hob die andere Hand, und erstmals sah sie, dass er noch etwas bei sich trug. Womöglich war auch ihre Aufmerksamkeit ein wenig getrübt.
„Du kennst dich doch aus mit…“ Aber den Rest seines Satzes hörte sie gar nicht mehr, weil ihre getrübte Aufmerksamkeit sich plötzlich auf jemand anderen fokussierte, nachdem sie das unverkennbare Gefühl eines innehaltenden Blickes auf sich gespürt hatte.
So dunkel sie sich auch kleidete, so sehr sie sich bemühte, unauffällig an der Bar zu sitzen, und so high Lilith auch sein mochte – ihr Haar, ihre Schönheit, ihr Wesen, alles an ihr war rein. Sie blendete nicht so wie sonst, aber auch das schrieb Lilith dem teilweisen Verlust ihrer eigenen Fähigkeiten, gepaart mit ihrer gedämpften Wahrnehmung zu. Doch selbst auf die Distanz war Jezahel unverkennbar, jetzt, wo sie sie einmal wahrgenommen hatte.
„Entschuldige mich kurz.“ Sie ließ Morrow stehen und ging hinüber zur Bar. Ob es klug war, sich mit einem Engel anzulegen, in ihrem derzeitigen Zustand? Höchstwahrscheinlich nicht. Allerdings war Lilith nicht wirklich in bester Verfassung, um rational schlüssige Entscheidungen zu treffen, und derzeit ließ sie sich leiten von der Tatsache, dass jemand auf ihrem Terrain spielte, der hier absolut nicht hingehörte… und der Neugier, wie es dazu gekommen war.
„Du bist weit weg von deinem Zuständigkeitsbereich.“ Ihr Tonfall war ruhig, beinahe beiläufig, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt, Jezahel darauf hinzuweisen.


