Gestern, 13:13
Mammons triumphierendes Grinsen über den gelungenen Blackberry Bramble entging Hope natürlich nicht. Über den Rand ihres Glases hinweg sah sie kurz zu ihm, und ihre Mundwinkel hoben sich beinahe widerwillig ein wenig, ehe sie noch einen Schluck nahm. Diesmal musste sie ihm tatsächlich recht geben. Das Getränk schmeckte ihr, und vielleicht lag gerade darin etwas ungewohnt Beruhigendes: Sie hatte gesagt, was sie wollte, ohne den Namen dafür zu kennen, hatte dabei nicht überlegt, was Lamia wohl bestellt hätte oder was Mammon für angemessen hielt, sondern einfach beschrieben, was ihr selbst gefiel – und tatsächlich etwas bekommen, das zu ihr passte. Brombeere, die angenehme Säure, gerade genug Süße und diese Wärme des Alkohols, die diesmal nicht bitter über ihre Zunge kroch, sondern sich erst danach langsam in ihrem Körper ausbreitete. Vielleicht war es nur ein Drink. Trotzdem fühlte es sich ein wenig an wie ein winziger Beweis dafür, dass etwas zu wollen nicht automatisch kompliziert oder gefährlich werden musste.
Dass sie auf dem Weg zur Galerie nur deshalb an der Security vorbeikam, weil Mammon bereits aus der Entfernung ein kaum merkliches Zeichen gegeben hatte, fiel ihr allerdings ebenso auf wie die Menschen, die ihn oben grüßten. Ein Nicken hier, ein kurzer Blick dort, selbstverständlich genug, dass Mammon kaum darauf reagieren musste.
Hope zog ihr Glas etwas näher an den Körper und ließ den Blick flüchtig über die Gäste schweifen. Sie gehörte eigentlich überhaupt nicht hierher. Nicht zu Menschen, die auf irgendwelchen Gästelisten standen, nicht zwischen Leute, die offenbar wichtig genug waren, um von der Menge unter ihnen abgeschirmt zu werden, und schon gar nicht in diese Welt, durch die Mammon sich bewegte, als gehörte jeder Quadratmeter davon ohnehin ihm. Für einen kurzen Moment kehrte die Unsicherheit zurück; ihre Schultern spannten sich leicht an und sie fragte sich, ob irgendeiner der Anwesenden längst bemerkte, dass sie hier nur wegen des Mannes neben ihr geduldet wurde. Doch dann glitt ihr Blick wieder über das Geländer hinunter und die Höhe schuf erneut genau jene Distanz, die sie brauchte.
Als Mammon erklärte, dass dort unten längst nicht nur Menschen waren, wanderte Hopes Aufmerksamkeit sofort zurück in die Menge. Menschen, Werwölfe, Vampire, Dämonen… Sie sah dieselben Körper plötzlich anders an, obwohl sie bei den meisten überhaupt keinen Unterschied erkennen konnte. Ein Paar stand dicht beieinander an der Bar, irgendwo weiter hinten bewegte sich jemand beinahe zu geschmeidig durch die Menschen, und auf der Tanzfläche verschwammen Gesichter im wechselnden Licht ohnehin viel zu schnell, um irgendetwas daraus lesen zu können.
Das Wort Schulden ließ ihren Blick allerdings für einen Moment wieder zu Mammon gleiten. Sie sagte nichts dazu. Trotzdem war der Gedanke sofort da: Wie viele von denen dort unten kamen wirklich freiwillig, weil sie tanzen, trinken, jemanden kennenlernen oder irgendeinem anderen Wunsch nachgeben wollten – und wie viele waren hier, weil sie Mammon irgendwann etwas versprochen hatten? Der Club verlor dadurch nichts von seiner Faszination, doch unter all dem Gold, der Musik und den sich bewegenden Körpern tauchte wieder diese zweite, dunklere Ebene auf, die Mammon selbst offenbar überhaupt nicht als Widerspruch empfand.
Auf seine Frage, weshalb es ihr hier oben offensichtlich besser gefiel, verzog Hope bei dem Wort Pöbel kaum merklich die Stirn. „Nicht wegen des… Pöbels“, antwortete sie und sprach das Wort so aus, als wäre sie sich noch immer nicht sicher, warum Mammon Menschen überhaupt so bezeichnete. Dann sah sie wieder hinunter.
„Weil ich von hier alles sehen kann, ohne mittendrin sein zu müssen.“ Ihre Stimme war deutlich ruhiger geworden. Sie nahm einen kleinen Schluck ihres Brambles, ließ das Glas anschließend locker in ihrer Hand sinken und betrachtete die Lichtreflexe unter ihnen. „Es erinnert mich ein bisschen an mein Dach.“ Ein offenes Lächeln legte sich erneut auf ihr Gesicht. „Da unten ist die Stadt genauso laut. Aber wenn ich oben bin, ist sie weit genug weg, dass ich einfach nur zusehen kann.“ Einen Moment suchte sie nach den richtigen Worten. „Ich kann neugierig sein… ohne zu direkt von etwas überrascht zu werden.“ Genau das schien es zu sein.
Unten konnte jederzeit jemand gegen sie stoßen, sie ansprechen oder einfach zu nah kommen. Hier oben sah sie alles vorher. Bewegungen wurden berechenbarer, Menschen kleiner, Geräusche weniger unmittelbar. Es war keine wirkliche Sicherheit, aber genug Abstand, damit die Dunkelhaarige nicht ständig das Gefühl hatte, reagieren zu müssen.
Vielleicht bemerkte sie deshalb auch erst einige Sekunden später, dass die Spitze ihres Schuhs begonnen hatte, im Takt der Musik mit zu wippen. Ganz leicht nur, beinahe verborgen unter dem Saum ihres Kleides. Ihr Blick sank überrascht nach unten. Wieder hatte ihr Körper etwas getan, bevor sie darüber nachgedacht hatte. Nach dem Fahrstuhl hätte allein diese Erkenntnis wahrscheinlich sofort neue Fragen ausgelöst, doch diesmal geschah etwas anderes: Hope ließ den Fuß einfach weitermachen. Die Musik gefiel ihr. Der Rhythmus wanderte durch den Boden, über ihre Beine und irgendwo hinein in ihren Körper, und zum ersten Mal an diesem Abend empfand sie es nicht als Bedrohung, dass eine Reaktion entstand, bevor ihr Verstand sie genehmigt hatte. Ein kaum sichtbares Lächeln blieb auf ihren Lippen, während sie wieder nach unten sah. Vielleicht musste nicht jede spontane Regung sofort untersucht, zerlegt und auf ihre Herkunft geprüft werden. Manchmal konnte ein mitwippender Fuß vielleicht wirklich nur bedeuten, dass ihr ein Lied gefiel.
„Kannst du bei allen sehen, was sie sind?“, fragte sie schließlich und deutete mit ihrem Glas leicht in Richtung der Menge. Ihre großen Augen wanderten von einem Gast zum nächsten, als könnte Mammon ihr irgendeinen Hinweis verraten, den sie bisher übersehen hatte. Gerade weil Menschen, Vampire, Werwölfe und Dämonen hier offenbar so selbstverständlich nebeneinander existierten, wollte sie plötzlich wissen, wie viel davon für ihn sichtbar war und wie viel lediglich verborgen unter menschlichen Gesichtern blieb. Ihre Aufmerksamkeit blieb schließlich an zwei Gestalten hängen, die sich so eng zueinander neigten, dass zwischen ihnen kaum noch Raum vorhanden war. Einer sagte etwas, das Hope bei der Musik unmöglich hören konnte; der andere lächelte und kam noch näher. Sie beobachtete sie einen Moment länger, ehe eine neue Frage in ihr auftauchte.
„Und… merkst du, wenn jemand sich zu jemand anderem hingezogen fühlt?“ Ihre Stimme wurde gegen Ende wieder etwas vorsichtiger. Das Glas hob sich ein wenig, blieb jedoch kurz vor ihren Lippen stehen. „Also… ohne dass er etwas sagt?“
Kaum waren die Worte ausgesprochen, begriff Hope, welche Richtung Mammon ihnen ebenso leicht geben konnte. Die Wärme, die eben noch angenehm vom Bramble gekommen war, schien sich augenblicklich wieder in ihren Wangen zu sammeln. Ihr Blick blieb zunächst auffällig lange bei den Gästen unter ihnen, bevor er schließlich doch zu Mammon wanderte. Neugier lag noch immer offen darin, nun allerdings vermischt mit jener vertrauten Unsicherheit, die immer dann auftauchte, wenn eine harmlose Frage plötzlich viel persönlicher werden konnte, als sie beabsichtigt hatte. Denn während sie ihn ansah, formte sich bereits die nächste Frage in ihrem Kopf, und diesmal war Hope klug genug, sie dort zu behalten. Konnte er das bei ihr auch sehen?
Dass sie auf dem Weg zur Galerie nur deshalb an der Security vorbeikam, weil Mammon bereits aus der Entfernung ein kaum merkliches Zeichen gegeben hatte, fiel ihr allerdings ebenso auf wie die Menschen, die ihn oben grüßten. Ein Nicken hier, ein kurzer Blick dort, selbstverständlich genug, dass Mammon kaum darauf reagieren musste.
Hope zog ihr Glas etwas näher an den Körper und ließ den Blick flüchtig über die Gäste schweifen. Sie gehörte eigentlich überhaupt nicht hierher. Nicht zu Menschen, die auf irgendwelchen Gästelisten standen, nicht zwischen Leute, die offenbar wichtig genug waren, um von der Menge unter ihnen abgeschirmt zu werden, und schon gar nicht in diese Welt, durch die Mammon sich bewegte, als gehörte jeder Quadratmeter davon ohnehin ihm. Für einen kurzen Moment kehrte die Unsicherheit zurück; ihre Schultern spannten sich leicht an und sie fragte sich, ob irgendeiner der Anwesenden längst bemerkte, dass sie hier nur wegen des Mannes neben ihr geduldet wurde. Doch dann glitt ihr Blick wieder über das Geländer hinunter und die Höhe schuf erneut genau jene Distanz, die sie brauchte.
Als Mammon erklärte, dass dort unten längst nicht nur Menschen waren, wanderte Hopes Aufmerksamkeit sofort zurück in die Menge. Menschen, Werwölfe, Vampire, Dämonen… Sie sah dieselben Körper plötzlich anders an, obwohl sie bei den meisten überhaupt keinen Unterschied erkennen konnte. Ein Paar stand dicht beieinander an der Bar, irgendwo weiter hinten bewegte sich jemand beinahe zu geschmeidig durch die Menschen, und auf der Tanzfläche verschwammen Gesichter im wechselnden Licht ohnehin viel zu schnell, um irgendetwas daraus lesen zu können.
Das Wort Schulden ließ ihren Blick allerdings für einen Moment wieder zu Mammon gleiten. Sie sagte nichts dazu. Trotzdem war der Gedanke sofort da: Wie viele von denen dort unten kamen wirklich freiwillig, weil sie tanzen, trinken, jemanden kennenlernen oder irgendeinem anderen Wunsch nachgeben wollten – und wie viele waren hier, weil sie Mammon irgendwann etwas versprochen hatten? Der Club verlor dadurch nichts von seiner Faszination, doch unter all dem Gold, der Musik und den sich bewegenden Körpern tauchte wieder diese zweite, dunklere Ebene auf, die Mammon selbst offenbar überhaupt nicht als Widerspruch empfand.
Auf seine Frage, weshalb es ihr hier oben offensichtlich besser gefiel, verzog Hope bei dem Wort Pöbel kaum merklich die Stirn. „Nicht wegen des… Pöbels“, antwortete sie und sprach das Wort so aus, als wäre sie sich noch immer nicht sicher, warum Mammon Menschen überhaupt so bezeichnete. Dann sah sie wieder hinunter.
„Weil ich von hier alles sehen kann, ohne mittendrin sein zu müssen.“ Ihre Stimme war deutlich ruhiger geworden. Sie nahm einen kleinen Schluck ihres Brambles, ließ das Glas anschließend locker in ihrer Hand sinken und betrachtete die Lichtreflexe unter ihnen. „Es erinnert mich ein bisschen an mein Dach.“ Ein offenes Lächeln legte sich erneut auf ihr Gesicht. „Da unten ist die Stadt genauso laut. Aber wenn ich oben bin, ist sie weit genug weg, dass ich einfach nur zusehen kann.“ Einen Moment suchte sie nach den richtigen Worten. „Ich kann neugierig sein… ohne zu direkt von etwas überrascht zu werden.“ Genau das schien es zu sein.
Unten konnte jederzeit jemand gegen sie stoßen, sie ansprechen oder einfach zu nah kommen. Hier oben sah sie alles vorher. Bewegungen wurden berechenbarer, Menschen kleiner, Geräusche weniger unmittelbar. Es war keine wirkliche Sicherheit, aber genug Abstand, damit die Dunkelhaarige nicht ständig das Gefühl hatte, reagieren zu müssen.
Vielleicht bemerkte sie deshalb auch erst einige Sekunden später, dass die Spitze ihres Schuhs begonnen hatte, im Takt der Musik mit zu wippen. Ganz leicht nur, beinahe verborgen unter dem Saum ihres Kleides. Ihr Blick sank überrascht nach unten. Wieder hatte ihr Körper etwas getan, bevor sie darüber nachgedacht hatte. Nach dem Fahrstuhl hätte allein diese Erkenntnis wahrscheinlich sofort neue Fragen ausgelöst, doch diesmal geschah etwas anderes: Hope ließ den Fuß einfach weitermachen. Die Musik gefiel ihr. Der Rhythmus wanderte durch den Boden, über ihre Beine und irgendwo hinein in ihren Körper, und zum ersten Mal an diesem Abend empfand sie es nicht als Bedrohung, dass eine Reaktion entstand, bevor ihr Verstand sie genehmigt hatte. Ein kaum sichtbares Lächeln blieb auf ihren Lippen, während sie wieder nach unten sah. Vielleicht musste nicht jede spontane Regung sofort untersucht, zerlegt und auf ihre Herkunft geprüft werden. Manchmal konnte ein mitwippender Fuß vielleicht wirklich nur bedeuten, dass ihr ein Lied gefiel.
„Kannst du bei allen sehen, was sie sind?“, fragte sie schließlich und deutete mit ihrem Glas leicht in Richtung der Menge. Ihre großen Augen wanderten von einem Gast zum nächsten, als könnte Mammon ihr irgendeinen Hinweis verraten, den sie bisher übersehen hatte. Gerade weil Menschen, Vampire, Werwölfe und Dämonen hier offenbar so selbstverständlich nebeneinander existierten, wollte sie plötzlich wissen, wie viel davon für ihn sichtbar war und wie viel lediglich verborgen unter menschlichen Gesichtern blieb. Ihre Aufmerksamkeit blieb schließlich an zwei Gestalten hängen, die sich so eng zueinander neigten, dass zwischen ihnen kaum noch Raum vorhanden war. Einer sagte etwas, das Hope bei der Musik unmöglich hören konnte; der andere lächelte und kam noch näher. Sie beobachtete sie einen Moment länger, ehe eine neue Frage in ihr auftauchte.
„Und… merkst du, wenn jemand sich zu jemand anderem hingezogen fühlt?“ Ihre Stimme wurde gegen Ende wieder etwas vorsichtiger. Das Glas hob sich ein wenig, blieb jedoch kurz vor ihren Lippen stehen. „Also… ohne dass er etwas sagt?“
Kaum waren die Worte ausgesprochen, begriff Hope, welche Richtung Mammon ihnen ebenso leicht geben konnte. Die Wärme, die eben noch angenehm vom Bramble gekommen war, schien sich augenblicklich wieder in ihren Wangen zu sammeln. Ihr Blick blieb zunächst auffällig lange bei den Gästen unter ihnen, bevor er schließlich doch zu Mammon wanderte. Neugier lag noch immer offen darin, nun allerdings vermischt mit jener vertrauten Unsicherheit, die immer dann auftauchte, wenn eine harmlose Frage plötzlich viel persönlicher werden konnte, als sie beabsichtigt hatte. Denn während sie ihn ansah, formte sich bereits die nächste Frage in ihrem Kopf, und diesmal war Hope klug genug, sie dort zu behalten. Konnte er das bei ihr auch sehen?

