Jezahels Antwort auf ihre einleitenden Worte war bestimmt, aber nicht defensiv oder abweisend. Im Gegenteil, sie sah sogar auf subtile Weise erheitert aus, als ihre Anwesenheit im Valen in seiner Ungewöhnlichkeit ausgedeutet wurde, eine Tatsache die Lilith deutlich unterhaltsam fand. Der Umgang mit ihresgleichen – egal ob nun mit Vertretern der Erzengelriege, wie Michael oder Raphael, oder aufrichtigen, überzeugend dienenden Kämpfern, wie Jezahel eine war – bewegte sich einfach auf einem ganz anderen Level, als das bei den restlichen Lebewesen auf dieser Ebene der Fall war. Sie waren alle eins, irgendwie, auch wenn sie auf unterschiedlichen Seiten standen, und sie kannten und verstanden einander, ihre Lebensweise, die Stärken und Schwächen der anderen, wie ihre Körper und Kräfte funktionierten, und wo deren Grenzen lagen. Es gab nur wenige Spezies auf der Erde, die nicht vor der inhärenten Macht, die die Engel innehatten, instinktiv zurückscheuten.
Umso erfrischender war es, einem von ihnen zu begegnen, ganz gleich welcher Natur diese Begegnung auch sein mochte. Denn auch, wenn sie unterschiedliche Seiten des Gleichgewichtes bespielten – am Ende des Tages war es doch genau das, ein Gleichgewicht, sorgsam aufgestellt und in Balance gehalten von all ihren jeweiligen Handlungen. Sie befolgten Regeln, manche davon offensichtlich, andere subtiler, aber alle davon so bekannt, dass niemand sie vollkommen überwarf. Sie töteten einander nicht, sofern nicht unabdingbar; alles dazwischen waren Spielzüge, die manchmal zugunsten der einen, manchmal der anderen Seite ausfielen. Und wie jedes Spiel war auch dieses am unterhaltsamsten mit einem ebenbürtigen Mitspieler – oder einer Spielerin, in diesem Fall.
Der Aussage, dass Los Angeles zum aktuellen Stand noch immer auf der Erde lag, begegnete Lilith mit einem belustigten Blitzen in ihren Augen, während sie sich locker an den Tresen der Bar lehnte, einen Unterarm darauf abgestützt.
„Tut es. Aber manche Orte haben ihre eigenen Grenzen–“ Souveräne Staaten in fremdem Hoheitsgebiet, wenn man so wollte, die eigenständig regiert wurden und dementsprechend auch ihren eigenen Gesetzen unterlagen.
„–und wenn man nicht aufpasst, dann steht man an ihnen mit einem Fuß in der Hölle.“
Ihr Tonfall war keineswegs drohend, eher im Gegenteil. In Liliths Augen war die Hölle kein verabscheuungswürdiger Ort, es war ihr Zuhause. Sie war nie selbst im Himmel gewesen, also fehlten ihr die Erfahrungen aus erster Hand, aber nach allem, was sie über diesen Ort gehört oder erschlossen hatte, ob nun von Gabriel oder aufgrund des Verhaltens der anderen Engel, war es in ihren Augen auch kein sonderlich erstrebenswertes Ziel. All die Restriktionen, denen man unterlag, die Grenzen dessen, was toleriert wurde, die Geißelung, irgendwelchen willkürlichen Aufgaben nachzugehen, um den Menschen zu dienen. Nein… ein Ausflug in die Hölle war keine Drohung, sondern vielmehr eine Offenbarung, und genau so sprach sie auch davon.
Liliths Blick glitt für einen Moment über Jezahels gesamte Erscheinung, ihren Körper, ganz in schwarz gehüllt und in so starkem Kontrast zu ihrer ansonsten hellen, engelsgleichen Erscheinung. Dann hob sie ihn langsam wieder, sodass er erneut ihre Augen fand. Der sanfte Anflug eines Lächelns umspielte ihre Lippen.
„Wobei ich nicht ganz sicher bin… ob die Hölle dich so einfach wieder gehen lassen würde.“ Vermutlich war ihr Tonfall deutlich lockerer, als man erwarten könnte, in Anbetracht dessen, dass sie so lange Zeit Rivalinnen (gewesen?) waren. Auswirkungen ihres derzeitigen Zustandes? Möglich. Immerhin arbeitete sie nicht, schon seit Tagen nicht mehr. Es gab keine Aufgabe, der sie nachging, keinen Vertrag, den sie zu schließen hatte… keine Seele, die ihrer Aufmerksamkeit bedurfte. Sie war ausnahmsweise einfach nur hier, weil sie hier sein wollte, zu nichts weiter als ihrem persönlichen Vergnügen – oder dem Zeitvertreib, je nachdem, wie der Abend so verlief. Warum sollte sie also ausgerechnet jetzt einen Streit vom Zaun brechen?
Wenn zu besagtem Zeitvertreib dann eine Unterhaltung mit Jezahel gehörte, in Ordnung. Immerhin war sie interessant. Und vielleicht war es irgendwie auch genau das, was sie hier verweilen ließ: Die ungewohnte Freiheit, in diesem Moment einmal nichts erreichen, leisten oder gewinnen zu müssen. Vielleicht hatte sie deshalb auch keinen Grund dafür, jedes Wort vorher auf all seine möglichen Konsequenzen hin abzuwägen. Es hatte einfach in diesen Augenblicken keinerlei Relevanz für sie – geschweige denn genug Gewicht, um ihr Handeln zu beeinflussen. Und am Ende des Tages musste Lilith wahrscheinlich auch nicht jede interessante Unterhaltung in einen strategischen Vorteil für sich verdrehen.
Und im Grunde war das tatsächlich der Grund, warum sie hergekommen war: Anders als sie machte Jezahel nicht den Eindruck, als wäre sie zu Unterhaltungszwecken hier. Zu aufmerksam war ihr Blick, zu umfassend die Eindrücke, die sie offensichtlich viel schneller aufzunehmen und zu katalogisieren schien, als Lilith sich bemühen wollte zu verfolgen. Sie schien durchaus ein Ziel zu haben, einen Auftrag, an dem sie arbeitete, und wenn Lilith eines war, dann war es neugierig.
Jezahel und sie waren in der Vergangenheit häufiger mal aneinander geraten, weil gerade Lilith sich schwer tat damit, die besagten Regeln, nach denen sie alle ihre Züge durchführten, als absolut und unverhandelbar zu akzeptieren.
Weil sie gerne Schlupflöcher suchte, um die strikten Vorgaben in diesem nie endenden, kosmischen Spiel, das zwischen Himmel und Hölle bestand, zu testen und herauszufordern.
Weil sie ihr Seelen gestohlen hatte – oder in manchen Fällen versucht hatte, sie zu stehlen, nicht immer erfolgreich –, die eigentlich für den Aufstieg in den Himmel gedacht waren. Und während die Kriegerin in Jezahel niemals vor einer direkten Konfrontation mit ihr zurückgeschreckt war und sie jederzeit gerne herausgefordert hatte, um den Verbleib der betroffenen Seele zu kämpfen, war sie ihr doch niemals in die Hölle gefolgt, um sie zurückzufordern, sobald Lilith sie einmal hatte. Die Schwelle zu übertreten, die ihre eigene Zugehörigkeit zum Himmelreich hätte riskieren können, war immer eine Grenze gewesen, vor der sie zurückzuscheuen schien; Jezahel wusste offenbar, wo sie hingehörte und setzte diese Tatsache auch nicht aufs Spiel.
Oder zumindest hatte Lilith sie so kennengelernt.
Umso überraschender war es für sie, sie heute Abend hier anzutreffen, im Club ihres Bruders, in dem ein Laster das andere jagte. Wie auch immer der Auftrag aussah, den sie verfolgte, er musste entsprechend gewichtig sein, wenn sie den Weg hierher fand… oder etwas an ihr hatte sich verändert. Etwas, das ihre bisher so deutlichen und klaren Grenzen verschoben hatte. Konnte das möglich sein? Eine der hellsten Kriegerinnen der Mächte, Vorzeigebeispiel für Pflichtbewusstsein und Tugend, und jetzt war sie… was?
Aber Lilith war nicht in der Lage, den Gedanken zu Ende zu führen. Zu trüb war ihre Aufmerksamkeit, zu unerreichbar ihr Bezug zu den Fähigkeiten, die sie noch hatte, zumindest jetzt gerade. Vielleicht später, wenn sie wieder etwas klarer bei Verstand war.
Und bis dahin… konnte sie sich hier auch ein wenig die Zeit vertreiben. So unerwartet diese Begegnung auch gewesen sein mochte, eins würde sie vermutlich nicht werden, und das war langweilig. Jezahel war kompetent, in dem was sie tat, und sie war klug, dem Intellekt von 99% des anwesenden Klientel hier deutlich überlegen. Warum sollte sie sich nicht eine Weile mit ihr beschäftigen?
Einer der Gründe: Womöglich war sie zu klug. Zuerst schien sie auf irgendetwas zu warten – oder irgendwen –, den Raum zu beobachten, konstant. Eine Sekunde lang fühlte auch Lilith sich unangenehm beobachtet, aber Jezahels Blick verweilte nie lange genug, als dass sie sich wirklich sicher sein konnte, dass es nicht nur diesem gewissen Misstrauen zu verdanken war, das sie derzeit mit sich herumtrug wie einen Mantel, den sie einfach nicht ablegen konnte. Konnte sie sie sehen? Alles an ihr, hinter die Maske, die sie inzwischen so routiniert und gekonnt aufsetzte, wenn sie sich in diesen Räumen bewegte?
Sollte dem so sein, dann ließ Jezahel sich zumindest nichts anmerken, und so schnell das heimsuchende Gefühl aufgekommen war, so schnell löste es sich seltsamerweise auch wieder. Vielleicht ebenfalls deshalb, weil keines von Liliths Gefühlen in ihrem aktuellen Rauschzustand sonderlich lange blieb – daher schätzte sie Nox so sehr. Es war alles… viel weniger wichtig. Misstrauen und Zweifel wichen einem viel angenehmerem Gefühl der Gleichgültigkeit. Wobei, mehr noch – diese Unterhaltung war ihr nicht gleichgültig, sie wurde viel mehr… unterhaltsam.
Auf die subtil suggestive, aber weiterhin offen freundliche Frage, ob sie lediglich hier war, um etwas von der Getränkekarte zu empfehlen, hob Lilith lediglich eine Augenbraue, ein kaum merkliches, verschmitztes Lächeln auf den Lippen.
„Könnte ich, wenn du interessiert bist“, entgegnete sie souverän, drehte sich ein Stück weit um, und hob zwei Finger. Mehr war nicht nötig, um den Barkeeper auf sich aufmerksam zu machen, er hatte sie längst bemerkt, als sie an die Bar gekommen war. Lilith bevorzugte ihre Drinks tendenziell schwerer und eher auf der bitteren Seite – Jezahel schätzte sie allerdings eher auf der frischeren, perligeren Seite der Cocktailauswahl ein. Entsprechend schmucklos gab sie neben ihrer eigenen auch eine zweite Bestellung auf, ohne sich unnötig lange damit aufzuhalten. Erst danach wandte sie sich wieder ihrem Gespräch zu.
„Ich kann mir nur schwer vorstellen, dass du deine Abende bevorzugt an einem Ort wie diesem hier verbringst“, griff sie schließlich ihren Punkt von zuvor noch einmal auf. Allerdings deutlich weniger provokant, als vielmehr geprägt von aufrichtigem Interesse, wie es nur jemand aufbrachte, der aktuell sonst keinerlei Verpflichtungen zu erfüllen hatte.
„Welcher Auftrag ist also wichtig genug, dass du dafür eine Ausnahme machst?“
Umso erfrischender war es, einem von ihnen zu begegnen, ganz gleich welcher Natur diese Begegnung auch sein mochte. Denn auch, wenn sie unterschiedliche Seiten des Gleichgewichtes bespielten – am Ende des Tages war es doch genau das, ein Gleichgewicht, sorgsam aufgestellt und in Balance gehalten von all ihren jeweiligen Handlungen. Sie befolgten Regeln, manche davon offensichtlich, andere subtiler, aber alle davon so bekannt, dass niemand sie vollkommen überwarf. Sie töteten einander nicht, sofern nicht unabdingbar; alles dazwischen waren Spielzüge, die manchmal zugunsten der einen, manchmal der anderen Seite ausfielen. Und wie jedes Spiel war auch dieses am unterhaltsamsten mit einem ebenbürtigen Mitspieler – oder einer Spielerin, in diesem Fall.
Der Aussage, dass Los Angeles zum aktuellen Stand noch immer auf der Erde lag, begegnete Lilith mit einem belustigten Blitzen in ihren Augen, während sie sich locker an den Tresen der Bar lehnte, einen Unterarm darauf abgestützt.
„Tut es. Aber manche Orte haben ihre eigenen Grenzen–“ Souveräne Staaten in fremdem Hoheitsgebiet, wenn man so wollte, die eigenständig regiert wurden und dementsprechend auch ihren eigenen Gesetzen unterlagen.
„–und wenn man nicht aufpasst, dann steht man an ihnen mit einem Fuß in der Hölle.“
Ihr Tonfall war keineswegs drohend, eher im Gegenteil. In Liliths Augen war die Hölle kein verabscheuungswürdiger Ort, es war ihr Zuhause. Sie war nie selbst im Himmel gewesen, also fehlten ihr die Erfahrungen aus erster Hand, aber nach allem, was sie über diesen Ort gehört oder erschlossen hatte, ob nun von Gabriel oder aufgrund des Verhaltens der anderen Engel, war es in ihren Augen auch kein sonderlich erstrebenswertes Ziel. All die Restriktionen, denen man unterlag, die Grenzen dessen, was toleriert wurde, die Geißelung, irgendwelchen willkürlichen Aufgaben nachzugehen, um den Menschen zu dienen. Nein… ein Ausflug in die Hölle war keine Drohung, sondern vielmehr eine Offenbarung, und genau so sprach sie auch davon.
Liliths Blick glitt für einen Moment über Jezahels gesamte Erscheinung, ihren Körper, ganz in schwarz gehüllt und in so starkem Kontrast zu ihrer ansonsten hellen, engelsgleichen Erscheinung. Dann hob sie ihn langsam wieder, sodass er erneut ihre Augen fand. Der sanfte Anflug eines Lächelns umspielte ihre Lippen.
„Wobei ich nicht ganz sicher bin… ob die Hölle dich so einfach wieder gehen lassen würde.“ Vermutlich war ihr Tonfall deutlich lockerer, als man erwarten könnte, in Anbetracht dessen, dass sie so lange Zeit Rivalinnen (gewesen?) waren. Auswirkungen ihres derzeitigen Zustandes? Möglich. Immerhin arbeitete sie nicht, schon seit Tagen nicht mehr. Es gab keine Aufgabe, der sie nachging, keinen Vertrag, den sie zu schließen hatte… keine Seele, die ihrer Aufmerksamkeit bedurfte. Sie war ausnahmsweise einfach nur hier, weil sie hier sein wollte, zu nichts weiter als ihrem persönlichen Vergnügen – oder dem Zeitvertreib, je nachdem, wie der Abend so verlief. Warum sollte sie also ausgerechnet jetzt einen Streit vom Zaun brechen?
Wenn zu besagtem Zeitvertreib dann eine Unterhaltung mit Jezahel gehörte, in Ordnung. Immerhin war sie interessant. Und vielleicht war es irgendwie auch genau das, was sie hier verweilen ließ: Die ungewohnte Freiheit, in diesem Moment einmal nichts erreichen, leisten oder gewinnen zu müssen. Vielleicht hatte sie deshalb auch keinen Grund dafür, jedes Wort vorher auf all seine möglichen Konsequenzen hin abzuwägen. Es hatte einfach in diesen Augenblicken keinerlei Relevanz für sie – geschweige denn genug Gewicht, um ihr Handeln zu beeinflussen. Und am Ende des Tages musste Lilith wahrscheinlich auch nicht jede interessante Unterhaltung in einen strategischen Vorteil für sich verdrehen.
Und im Grunde war das tatsächlich der Grund, warum sie hergekommen war: Anders als sie machte Jezahel nicht den Eindruck, als wäre sie zu Unterhaltungszwecken hier. Zu aufmerksam war ihr Blick, zu umfassend die Eindrücke, die sie offensichtlich viel schneller aufzunehmen und zu katalogisieren schien, als Lilith sich bemühen wollte zu verfolgen. Sie schien durchaus ein Ziel zu haben, einen Auftrag, an dem sie arbeitete, und wenn Lilith eines war, dann war es neugierig.
Jezahel und sie waren in der Vergangenheit häufiger mal aneinander geraten, weil gerade Lilith sich schwer tat damit, die besagten Regeln, nach denen sie alle ihre Züge durchführten, als absolut und unverhandelbar zu akzeptieren.
Weil sie gerne Schlupflöcher suchte, um die strikten Vorgaben in diesem nie endenden, kosmischen Spiel, das zwischen Himmel und Hölle bestand, zu testen und herauszufordern.
Weil sie ihr Seelen gestohlen hatte – oder in manchen Fällen versucht hatte, sie zu stehlen, nicht immer erfolgreich –, die eigentlich für den Aufstieg in den Himmel gedacht waren. Und während die Kriegerin in Jezahel niemals vor einer direkten Konfrontation mit ihr zurückgeschreckt war und sie jederzeit gerne herausgefordert hatte, um den Verbleib der betroffenen Seele zu kämpfen, war sie ihr doch niemals in die Hölle gefolgt, um sie zurückzufordern, sobald Lilith sie einmal hatte. Die Schwelle zu übertreten, die ihre eigene Zugehörigkeit zum Himmelreich hätte riskieren können, war immer eine Grenze gewesen, vor der sie zurückzuscheuen schien; Jezahel wusste offenbar, wo sie hingehörte und setzte diese Tatsache auch nicht aufs Spiel.
Oder zumindest hatte Lilith sie so kennengelernt.
Umso überraschender war es für sie, sie heute Abend hier anzutreffen, im Club ihres Bruders, in dem ein Laster das andere jagte. Wie auch immer der Auftrag aussah, den sie verfolgte, er musste entsprechend gewichtig sein, wenn sie den Weg hierher fand… oder etwas an ihr hatte sich verändert. Etwas, das ihre bisher so deutlichen und klaren Grenzen verschoben hatte. Konnte das möglich sein? Eine der hellsten Kriegerinnen der Mächte, Vorzeigebeispiel für Pflichtbewusstsein und Tugend, und jetzt war sie… was?
Aber Lilith war nicht in der Lage, den Gedanken zu Ende zu führen. Zu trüb war ihre Aufmerksamkeit, zu unerreichbar ihr Bezug zu den Fähigkeiten, die sie noch hatte, zumindest jetzt gerade. Vielleicht später, wenn sie wieder etwas klarer bei Verstand war.
Und bis dahin… konnte sie sich hier auch ein wenig die Zeit vertreiben. So unerwartet diese Begegnung auch gewesen sein mochte, eins würde sie vermutlich nicht werden, und das war langweilig. Jezahel war kompetent, in dem was sie tat, und sie war klug, dem Intellekt von 99% des anwesenden Klientel hier deutlich überlegen. Warum sollte sie sich nicht eine Weile mit ihr beschäftigen?
Einer der Gründe: Womöglich war sie zu klug. Zuerst schien sie auf irgendetwas zu warten – oder irgendwen –, den Raum zu beobachten, konstant. Eine Sekunde lang fühlte auch Lilith sich unangenehm beobachtet, aber Jezahels Blick verweilte nie lange genug, als dass sie sich wirklich sicher sein konnte, dass es nicht nur diesem gewissen Misstrauen zu verdanken war, das sie derzeit mit sich herumtrug wie einen Mantel, den sie einfach nicht ablegen konnte. Konnte sie sie sehen? Alles an ihr, hinter die Maske, die sie inzwischen so routiniert und gekonnt aufsetzte, wenn sie sich in diesen Räumen bewegte?
Sollte dem so sein, dann ließ Jezahel sich zumindest nichts anmerken, und so schnell das heimsuchende Gefühl aufgekommen war, so schnell löste es sich seltsamerweise auch wieder. Vielleicht ebenfalls deshalb, weil keines von Liliths Gefühlen in ihrem aktuellen Rauschzustand sonderlich lange blieb – daher schätzte sie Nox so sehr. Es war alles… viel weniger wichtig. Misstrauen und Zweifel wichen einem viel angenehmerem Gefühl der Gleichgültigkeit. Wobei, mehr noch – diese Unterhaltung war ihr nicht gleichgültig, sie wurde viel mehr… unterhaltsam.
Auf die subtil suggestive, aber weiterhin offen freundliche Frage, ob sie lediglich hier war, um etwas von der Getränkekarte zu empfehlen, hob Lilith lediglich eine Augenbraue, ein kaum merkliches, verschmitztes Lächeln auf den Lippen.
„Könnte ich, wenn du interessiert bist“, entgegnete sie souverän, drehte sich ein Stück weit um, und hob zwei Finger. Mehr war nicht nötig, um den Barkeeper auf sich aufmerksam zu machen, er hatte sie längst bemerkt, als sie an die Bar gekommen war. Lilith bevorzugte ihre Drinks tendenziell schwerer und eher auf der bitteren Seite – Jezahel schätzte sie allerdings eher auf der frischeren, perligeren Seite der Cocktailauswahl ein. Entsprechend schmucklos gab sie neben ihrer eigenen auch eine zweite Bestellung auf, ohne sich unnötig lange damit aufzuhalten. Erst danach wandte sie sich wieder ihrem Gespräch zu.
„Ich kann mir nur schwer vorstellen, dass du deine Abende bevorzugt an einem Ort wie diesem hier verbringst“, griff sie schließlich ihren Punkt von zuvor noch einmal auf. Allerdings deutlich weniger provokant, als vielmehr geprägt von aufrichtigem Interesse, wie es nur jemand aufbrachte, der aktuell sonst keinerlei Verpflichtungen zu erfüllen hatte.
„Welcher Auftrag ist also wichtig genug, dass du dafür eine Ausnahme machst?“

