Vor 10 Stunden
Jezahel hatte durchaus erwartet, dass Lilith sie früher oder später bemerken würde; womit sie weniger gerechnet hatte, war, dass Luzifers Tochter die Distanz zwischen ihnen so selbstverständlich überbrückte und sich an den Tresen lehnte, als wäre ihre erste Bemerkung kaum mehr als die Begrüßung einer alten Bekannten gewesen. Gerade diese Ungezwungenheit beschäftigte Jezahel fast ebenso sehr wie der merkwürdig gedämpfte Eindruck, den Lilith auf sie machte. Bei ihren früheren Begegnungen hatte sie selten gesprochen, ohne gleichzeitig irgendeine Grenze auszuloten, eine Reaktion zu provozieren oder schon den nächsten Schritt mitzudenken. Jetzt wirkte es beinahe, als wäre sie tatsächlich nur herübergekommen, weil ihr gerade danach gewesen war. Wie konnte das sein?! Als kreativ neu erfundenes Spiel? Jezahel hatte lange genug gelebt, um ungewöhnliche Freundlichkeit nicht automatisch mit Harmlosigkeit zu verwechseln.
Bei Liliths Hinweis auf die eigenen Grenzen solcher Orte sank ihr Blick dennoch für einen Augenblick bis zu den Spitzen ihrer schwarzen Stiefeletten, ehe sich ein kleines Lächeln um ihre Lippen legte. „Dann sollte ich wohl darauf achten, wo ich hintrete, was?“
Leicht gesagt, beinahe beiläufig, obwohl sich die Worte einen Moment länger in ihr hielten, als sie sollten. Ja, früher hatte sie immer gewusst, wo sie selbst stand, wem sie angehörte und welche Schwelle sie überschritt, oder sich zu weit in fremdes Gebiet wagte. Diese Gewissheit war nicht vollständig mit ihrer Gnade verschwunden, aber sie hatte Risse bekommen, die sie lieber nicht genauer betrachtete. Doch sie spürte sie überdeutlich.
Lilith machte es ihr nicht leichter, als ihr Blick über Jezahels Erscheinung wanderte und sie anschließend wissen ließ, sie sei nicht sicher, ob die Hölle sie so einfach wieder gehen ließe. Für einen kurzen Augenblick regte sich tatsächlich die Frage, was sie heute noch davor schützen würde, wenn es jemand ernsthaft darauf anlegte. Einst wäre die Antwort denkbar einfach gewesen: Ihre Gnade, ihre Stellung, Kräfte, die sie aus einer Situation getragen hätten, lange bevor sie einen Ausgang hätte suchen müssen. Heute besaß sie nichts davon mehr. Jezahel ließ den Gedanken nicht weiter zu, nicht heute Abend. „Ich hatte eigentlich vor, es nicht darauf ankommen zu lassen“, erwiderte sie stattdessen ruhig und ihr Gesicht blieb dabei betont unbewegt.
Erst dabei fiel ihr auf, was Lilith offenbar nicht bemerkte. Sie sprach mit ihr noch immer wie mit der Jezahel, die sie kannte. Kein Zögern, kein prüfender Blick, keine erkennbare Irritation deutete darauf hin, dass ihr aufgefallen war, wie grundlegend sich etwas verändert hatte. Für Lilith schien vor ihr weiterhin dieselbe Kriegerin zu stehen, mit der sie einst um Seelen und Grenzen gerungen hatte. Warum ihr das entging, wusste Jezahel nicht. Vielleicht lag es an ihrem gegenwärtigen Zustand, vielleicht an der Vielzahl fremder Auren im Club oder schlicht daran, dass der Verlust von außen weniger offensichtlich war, als er sich für Jezahel selbst anfühlte. Sie gedachte jedenfalls nicht, sie aufzuklären.
Dass Lilith im nächsten Augenblick tatsächlich auf ihre Bemerkung über die Getränkekarte einging, überraschte sie sichtbar mehr. Jezahel hob leicht die Brauen, als zwei Finger genügten, um den Barkeeper reagieren zu lassen, und sah ihr beinahe belustigt dabei zu, wie sie ohne weitere Rückfrage gleich zwei Bestellungen aufgab.
Als wenig später ein schlankes Glas vor ihr abgestellt wurde, erkannte Jezahel den French 75 bereits an der hellen, fein perlenden Mischung und der schmalen Zitronenzeste. Gin, Zitrone, etwas Süße und Schaumwein – frisch genug, dass Lilith mit ihrer Einschätzung erstaunlich nah getroffen hatte. Sie probierte einen kleinen Schluck, ließ die Säure der Zitrone und den trockenen Gin einen Moment auf sich wirken und hob schließlich einen Mundwinkel anschließend doch zu einem leichten Grinsen. „Nicht schlecht, auch wenn ich heute nicht vorhatte, einen Cocktail zu trinken.“
Während Lilith sprach, wanderte Jezahels Aufmerksamkeit dennoch immer wieder auf sie zurück. Aus der Nähe bestätigte sich nur, was ihr bereits zuvor aufgefallen war. Lilith wirkte weder betrunken noch orientierungslos, und dennoch schien zwischen ihr und den Eindrücken des Clubs eine gewisse Distanz zu liegen. Ihre Aufmerksamkeit war nicht stumpf, sondern abgefedert, ihre Bewegungen sicher, ihre Worte klar, nur die sonst so unmittelbare Schärfe ihrer Präsenz wirkte verändert. Eine Substanz erklärte einiges davon. Jezahel hatte schließlich gesehen, woher sie gekommen war und was Morrow ihr übergeben hatte, auch wenn sie weder wusste, was sich in der schwarzen Schachtel befand, noch ob Lilith bereits zuvor etwas davon genommen hatte.
Nur erklärte es nicht alles. Da blieb dieser schwer greifbare Eindruck, dass etwas an ihr nicht mehr auf dieselbe Weise vorhanden war wie bei ihrer letzten Begegnung. Jezahel hätte es nicht sauber benennen können, doch ein alter Instinkt suchte noch immer nach etwas Vertrautem und fand es nicht dort, wo es sein sollte. Vielleicht verbarg Lilith ihre Aura besser. Vielleicht veränderte das Mittel nicht nur ihre Wahrnehmung, sondern auch die Wirkung, die sie auf andere ausübte. Vielleicht gab es eine vollkommen andere Erklärung. Sicher war Jezahel nur, dass sie sich den Unterschied nicht einbildete.
Trotzdem war es weniger Sorge als Wachsamkeit, mit der sie Lilith betrachtete. Dass diese momentan ungewöhnlich ungezwungen erschien, machte sie nicht automatisch ungefährlich; beinahe irritierender war, dass Jezahel bislang keinen offensichtlichen Zweck hinter dieser Unterhaltung entdecken konnte. Lilith stand einfach hier, trank mit ihr und schien sich tatsächlich zu unterhalten. Für jemanden, der sonst selten ein Wort ohne Absicht verschwendete, war das bemerkenswert genug.
Jezahels Blick glitt kurz an ihr vorbei. Morrow war noch dort, wo Lilith ihn zurückgelassen hatte, und soweit sie erkennen konnte, befand sich auch das Artefakt weiterhin in seinem Besitz. Gut. Sie musste ihn nicht permanent ansehen, um seine Position im Raum zu kennen, und solange sich daran nichts änderte, konnte sie sich ein paar Minuten leisten. Dass Lilith ihn offenbar kannte, machte sie dabei ungewollt auch für ihren Auftrag interessanter. Die schwarze Schachtel hatte nach einem Geschäft ausgesehen, ihre Vertrautheit zumindest nicht nach einer ersten Begegnung. Trotzdem hatte Jezahel nicht vor, mit direkten Fragen darauf hinzuweisen, wie genau sie ihre Umgebung beobachtet hatte.
Als Lilith schließlich aussprach, was ohnehin offensichtlich war, ließ Jezahel das Glas langsam wieder sinken. Dass sie erkannt hatte, dass Jezahel arbeitete, überraschte sie kaum; privat hätte sie sich ihren Abend wohl tatsächlich nicht ausgerechnet hier ausgesucht. Einen Grund, ihr deshalb Einzelheiten zu liefern, gab es trotzdem nicht. „Einer, über den ich an einem Ort wie diesem vermutlich besser nicht zu ausführlich spreche.“ Ihr Ton blieb freundlich, das kleine Lächeln ebenfalls, doch die Grenze darin war deutlich genug.
Für einen Moment ließ sie ihren Blick auf Lilith ruhen, ehe er kurz in die Richtung wanderte, aus der sie gekommen war, ohne lange genug bei Morrow zu verweilen, um daraus einen offenen Hinweis zu machen. Dann wandte Jezahel sich ihr wieder vollständig zu, und diesmal lag etwas mehr Amüsement in ihrer Stimme. „Du warst allerdings gerade selbst beschäftigt. Was macht meinen Abend plötzlich interessanter als deinen?“ fragte sie, bevor sie das Glas erneut an ihre Lippen setzte.
Bei Liliths Hinweis auf die eigenen Grenzen solcher Orte sank ihr Blick dennoch für einen Augenblick bis zu den Spitzen ihrer schwarzen Stiefeletten, ehe sich ein kleines Lächeln um ihre Lippen legte. „Dann sollte ich wohl darauf achten, wo ich hintrete, was?“
Leicht gesagt, beinahe beiläufig, obwohl sich die Worte einen Moment länger in ihr hielten, als sie sollten. Ja, früher hatte sie immer gewusst, wo sie selbst stand, wem sie angehörte und welche Schwelle sie überschritt, oder sich zu weit in fremdes Gebiet wagte. Diese Gewissheit war nicht vollständig mit ihrer Gnade verschwunden, aber sie hatte Risse bekommen, die sie lieber nicht genauer betrachtete. Doch sie spürte sie überdeutlich.
Lilith machte es ihr nicht leichter, als ihr Blick über Jezahels Erscheinung wanderte und sie anschließend wissen ließ, sie sei nicht sicher, ob die Hölle sie so einfach wieder gehen ließe. Für einen kurzen Augenblick regte sich tatsächlich die Frage, was sie heute noch davor schützen würde, wenn es jemand ernsthaft darauf anlegte. Einst wäre die Antwort denkbar einfach gewesen: Ihre Gnade, ihre Stellung, Kräfte, die sie aus einer Situation getragen hätten, lange bevor sie einen Ausgang hätte suchen müssen. Heute besaß sie nichts davon mehr. Jezahel ließ den Gedanken nicht weiter zu, nicht heute Abend. „Ich hatte eigentlich vor, es nicht darauf ankommen zu lassen“, erwiderte sie stattdessen ruhig und ihr Gesicht blieb dabei betont unbewegt.
Erst dabei fiel ihr auf, was Lilith offenbar nicht bemerkte. Sie sprach mit ihr noch immer wie mit der Jezahel, die sie kannte. Kein Zögern, kein prüfender Blick, keine erkennbare Irritation deutete darauf hin, dass ihr aufgefallen war, wie grundlegend sich etwas verändert hatte. Für Lilith schien vor ihr weiterhin dieselbe Kriegerin zu stehen, mit der sie einst um Seelen und Grenzen gerungen hatte. Warum ihr das entging, wusste Jezahel nicht. Vielleicht lag es an ihrem gegenwärtigen Zustand, vielleicht an der Vielzahl fremder Auren im Club oder schlicht daran, dass der Verlust von außen weniger offensichtlich war, als er sich für Jezahel selbst anfühlte. Sie gedachte jedenfalls nicht, sie aufzuklären.
Dass Lilith im nächsten Augenblick tatsächlich auf ihre Bemerkung über die Getränkekarte einging, überraschte sie sichtbar mehr. Jezahel hob leicht die Brauen, als zwei Finger genügten, um den Barkeeper reagieren zu lassen, und sah ihr beinahe belustigt dabei zu, wie sie ohne weitere Rückfrage gleich zwei Bestellungen aufgab.
Als wenig später ein schlankes Glas vor ihr abgestellt wurde, erkannte Jezahel den French 75 bereits an der hellen, fein perlenden Mischung und der schmalen Zitronenzeste. Gin, Zitrone, etwas Süße und Schaumwein – frisch genug, dass Lilith mit ihrer Einschätzung erstaunlich nah getroffen hatte. Sie probierte einen kleinen Schluck, ließ die Säure der Zitrone und den trockenen Gin einen Moment auf sich wirken und hob schließlich einen Mundwinkel anschließend doch zu einem leichten Grinsen. „Nicht schlecht, auch wenn ich heute nicht vorhatte, einen Cocktail zu trinken.“
Während Lilith sprach, wanderte Jezahels Aufmerksamkeit dennoch immer wieder auf sie zurück. Aus der Nähe bestätigte sich nur, was ihr bereits zuvor aufgefallen war. Lilith wirkte weder betrunken noch orientierungslos, und dennoch schien zwischen ihr und den Eindrücken des Clubs eine gewisse Distanz zu liegen. Ihre Aufmerksamkeit war nicht stumpf, sondern abgefedert, ihre Bewegungen sicher, ihre Worte klar, nur die sonst so unmittelbare Schärfe ihrer Präsenz wirkte verändert. Eine Substanz erklärte einiges davon. Jezahel hatte schließlich gesehen, woher sie gekommen war und was Morrow ihr übergeben hatte, auch wenn sie weder wusste, was sich in der schwarzen Schachtel befand, noch ob Lilith bereits zuvor etwas davon genommen hatte.
Nur erklärte es nicht alles. Da blieb dieser schwer greifbare Eindruck, dass etwas an ihr nicht mehr auf dieselbe Weise vorhanden war wie bei ihrer letzten Begegnung. Jezahel hätte es nicht sauber benennen können, doch ein alter Instinkt suchte noch immer nach etwas Vertrautem und fand es nicht dort, wo es sein sollte. Vielleicht verbarg Lilith ihre Aura besser. Vielleicht veränderte das Mittel nicht nur ihre Wahrnehmung, sondern auch die Wirkung, die sie auf andere ausübte. Vielleicht gab es eine vollkommen andere Erklärung. Sicher war Jezahel nur, dass sie sich den Unterschied nicht einbildete.
Trotzdem war es weniger Sorge als Wachsamkeit, mit der sie Lilith betrachtete. Dass diese momentan ungewöhnlich ungezwungen erschien, machte sie nicht automatisch ungefährlich; beinahe irritierender war, dass Jezahel bislang keinen offensichtlichen Zweck hinter dieser Unterhaltung entdecken konnte. Lilith stand einfach hier, trank mit ihr und schien sich tatsächlich zu unterhalten. Für jemanden, der sonst selten ein Wort ohne Absicht verschwendete, war das bemerkenswert genug.
Jezahels Blick glitt kurz an ihr vorbei. Morrow war noch dort, wo Lilith ihn zurückgelassen hatte, und soweit sie erkennen konnte, befand sich auch das Artefakt weiterhin in seinem Besitz. Gut. Sie musste ihn nicht permanent ansehen, um seine Position im Raum zu kennen, und solange sich daran nichts änderte, konnte sie sich ein paar Minuten leisten. Dass Lilith ihn offenbar kannte, machte sie dabei ungewollt auch für ihren Auftrag interessanter. Die schwarze Schachtel hatte nach einem Geschäft ausgesehen, ihre Vertrautheit zumindest nicht nach einer ersten Begegnung. Trotzdem hatte Jezahel nicht vor, mit direkten Fragen darauf hinzuweisen, wie genau sie ihre Umgebung beobachtet hatte.
Als Lilith schließlich aussprach, was ohnehin offensichtlich war, ließ Jezahel das Glas langsam wieder sinken. Dass sie erkannt hatte, dass Jezahel arbeitete, überraschte sie kaum; privat hätte sie sich ihren Abend wohl tatsächlich nicht ausgerechnet hier ausgesucht. Einen Grund, ihr deshalb Einzelheiten zu liefern, gab es trotzdem nicht. „Einer, über den ich an einem Ort wie diesem vermutlich besser nicht zu ausführlich spreche.“ Ihr Ton blieb freundlich, das kleine Lächeln ebenfalls, doch die Grenze darin war deutlich genug.
Für einen Moment ließ sie ihren Blick auf Lilith ruhen, ehe er kurz in die Richtung wanderte, aus der sie gekommen war, ohne lange genug bei Morrow zu verweilen, um daraus einen offenen Hinweis zu machen. Dann wandte Jezahel sich ihr wieder vollständig zu, und diesmal lag etwas mehr Amüsement in ihrer Stimme. „Du warst allerdings gerade selbst beschäftigt. Was macht meinen Abend plötzlich interessanter als deinen?“ fragte sie, bevor sie das Glas erneut an ihre Lippen setzte.

