20.08.2026, 11:46
Jezahel hatte durchaus damit gerechnet, dass Lilith sie früher oder später bemerken würde; womit sie weniger gerechnet hatte, war, dass Luzifers Tochter ihr die Entscheidung abnahm, ob und wann sie selbst die Distanz zwischen ihnen überbrücken wollte. Für einen kurzen Moment blieb ihr Blick deshalb noch bei Morrow, während Lilith sich bereits von ihm löste und auf die Bar zusteuerte, und fast automatisch registrierte sie dabei die kleine schwarze Schachtel, die kurz zuvor den Besitzer gewechselt hatte. Zu wenig, um daraus irgendeine brauchbare Schlussfolgerung zu ziehen. Morrow handelte mit Dingen, die auf gewöhnlichen Märkten nicht zu finden waren, und eine unscheinbare Verpackung konnte in seinem Geschäft vermutlich ebenso gut einen harmlosen Talisman wie etwas enthalten, das eine halbe Stadt in Schwierigkeiten brachte.
Dennoch prägte Jezahel sie sich ein, ebenso wie die Tatsache, dass Lilith offenbar nicht zufällig neben dem Mann gestanden hatte, den sie selbst seit einer halben Stunde suchte. Dass diese nun ausgerechnet zu ihr herüberkam, machte ihren Auftrag nicht unbedingt leichter, allerdings konnte sie kaum behaupten, dass der Abend damit weniger interessant geworden wäre.
Bei Liliths Begrüßung hob Jezahel lediglich ein wenig die Brauen, und für den Bruchteil einer Sekunde lag etwas beinahe Amüsiertes in ihrem Gesicht, ohne ihren warmen Ausdruck zu verlieren, der auch jetzt darauf lag. Ertappt fühlte sie sich jedenfalls nicht. Wenn irgendjemand glaubte, ihr erklären zu müssen, wo sie sich aufhalten durfte, dann war die Seelensammlerin nicht unbedingt die erste Instanz, deren Zuständigkeit ihr dabei eingefallen wäre.
„Interessant“, erwiderte sie deshalb ruhig und drehte das Glas zwischen ihren Fingern ein kleines Stück auf der dunklen Oberfläche der Bar, ehe sie Lilith wieder ansah. „Ich hätte schwören können, Los Angeles läge noch immer auf der Erde.“ Die Worte waren nicht scharf genug, um eine tatsächliche Provokation daraus zu machen, eher eine sanfte Erinnerung daran, dass Jezahel keinerlei Absicht hatte, sich für ihre Anwesenheit zu entschuldigen. Trotzdem blieb das angedeutete Lächeln nur kurz bestehen, denn nun, da Lilith unmittelbar vor ihr stand und nicht mehr mehrere Meter entfernt zwischen wechselndem Licht und anderen Gästen, fiel ihr etwas auf, das sich nur schwieriger beiseiteschieben ließ.
Beim letzten Mal hatte Lilith eine Präsenz besessen, die kaum zu übersehen gewesen war. Nicht allein deshalb, weil Jezahel gewusst hatte, was sie vor sich hatte, sondern weil an ihr etwas von jener Selbstverständlichkeit gelegen hatte, die sie von Engeln kannte: Dieses kaum greifbare Bewusstsein für eine Macht, die nicht erst herbeigerufen werden musste, weil sie Bestandteil des eigenen Wesens war. Jezahel hatte sie damals nicht mögen müssen, um das zu erkennen. Im Gegenteil. Und gerade die Tatsache, dass ausgerechnet dieses Geschöpf seine Gnade besaß, während ihre eigene seit so kurzer Zeit nur noch in Erinnerungen existierte, setzte sich gerade noch einmal mehr unangenehm tief in ihr fest.
Jetzt jedoch brauchte Jezahel einige Augenblicke, um überhaupt zu bestimmen, was sie störte. Lilith stand aufrecht, sprach deutlich und bewegte sich nicht wie jemand, der mehr Alkohol zu sich genommen hatte, als ihm guttat, und dennoch wirkte ihre Aufmerksamkeit merkwürdig abgefedert, als läge zwischen ihr und dem Raum eine dünne Schicht, durch die Geräusche, Licht und Bewegungen erst hindurchdringen mussten, bevor sie sie erreichten.
Jezahels Blick glitt einen Moment über ihr Gesicht, aufmerksam, ohne dabei unverhohlen zu starren. Alkohol erschien ihr unwahrscheinlich. Erschöpfung vielleicht, auch wenn sie sich schwer vorstellen konnte, dass gewöhnliche Müdigkeit bei Lilith genau diesen Eindruck hinterließ. Eine Verletzung hätte sie ebenfalls nicht ausgeschlossen, doch nichts an ihrer Haltung deutete unmittelbar darauf hin.
Damit blieb noch eine wesentlich naheliegendere Möglichkeit, besonders nachdem sie gesehen hatte, woher Lilith gerade gekommen war und was Morrow ihr übergeben hatte. Irgendeine Substanz also. Was genau, konnte sie nicht wissen und es wäre voreilig gewesen, aus einer schwarzen Schachtel und einem etwas veränderten Verhalten bereits eine Geschichte zusammenzusetzen, die womöglich überhaupt nicht stimmte. Trotzdem schob sie die Beobachtung gedanklich dorthin, wo sie auch all die anderen kleinen Details dieses Abends sammelte. Morrow war nicht dafür bekannt, Dinge zu verkaufen, die man ebenso gut in der nächsten Apotheke bekam. Doch selbst diese Erklärung reichte nicht ganz aus.
Etwas anderes an Lilith war verändert, und je länger Jezahel sie betrachtete, desto deutlicher wurde das eigentümliche Unbehagen, das sie nicht sauber benennen konnte. Es war weniger etwas, das ihre Augen wahrnahmen, als ein alter Instinkt, der längst hätte verkümmern dürfen und sich offenbar trotzdem weigerte, vollständig zu verschwinden. Jahrhunderte hatte sie andere Engel nicht allein gesehen, sondern auf eine Art erkannt, die sich nur schwer in menschliche Begriffe übersetzen ließ. Gnade war kein Schmuckstück, das man trug, kein Licht, das ständig sichtbar um einen herum schimmerte, und dennoch hatte sie zu einem Engel gehört wie Herzschlag und Atem zu einem Menschen. Bei Lilith hatte Jezahel sie bei ihrer ersten Begegnung gespürt. Jetzt suchte etwas in ihr unwillkürlich nach genau diesem vertrauten Eindruck – und fand ihn nicht dort, wo sie ihn erwartete. Ihre Stirn legte sich kaum merklich in Falten.
Vielleicht verbarg Lilith ihre Aura? Oder war es eine Nebenwirkung dessen, was auch immer Morrow ihr verkauft hatte? Vielleicht lag es an diesem Ort, an der Menge übernatürlicher Energien, die sich hier gegenseitig überlagerten und selbst Jezahels Wahrnehmung zuweilen mit mehr Eindrücken versorgten, als hilfreich war… dieses Gefühl blieb hartnäckig bestehen, selbst nachdem sie versucht hatte, es vernünftig einzuordnen.
Die Erkenntnis brachte eine unangenehme Resonanz mit sich, deren Ursprung Jezahel lieber nicht näher untersuchte. Zu vertraut war dieses kaum erklärbare Fehlen von etwas, das eigentlich da sein sollte; zu frisch die eigene Erfahrung damit, morgens aufzuwachen und noch vor dem Öffnen der Augen für einen winzigen Moment davon auszugehen, dass nichts sich verändert hatte, nur damit der eigene Körper einen Sekundenbruchteil später nach Kräften griff, die nicht mehr antworteten. Sie schob den Gedanken fort, bevor er sich weiter entfalten konnte. Dass Lilith heute anders auf sie wirkte, bedeutete nicht, dass ihr dasselbe widerfahren war, und allein die Vermutung erschien Jezahel zu gewagt, um sie ernsthaft weiterzuverfolgen. Vor allem hatte sie keinen Grund, Luzifers Tochter plötzlich mit jener Fürsorge zu begegnen, die sie einem verletzten Menschen selbstverständlich entgegengebracht hätte. Dafür erinnerte sie sich noch deutlich genug an einen Toten und an eine Seele, die Lilith vor ihren Augen mit sich genommen hatte.
Ihr Blick löste sich deshalb für einen Moment von ihr und wanderte scheinbar beiläufig an ihrer Schulter vorbei. Morrow befand sich noch dort, wo Lilith ihn zurückgelassen hatte, und soweit Jezahel erkennen konnte, war auch der Gegenstand weiterhin in seinem Besitz. Gut. Wenigstens hatte sich innerhalb der letzten Minute nicht auch noch dieser Teil ihres Abends entschieden, komplizierter zu werden. Dennoch stellte Liliths offensichtliche Bekanntschaft mit dem Händler eine zusätzliche Variable dar, die der Rat in seinen spärlichen Informationen nicht erwähnt hatte. Vielleicht hatte ihr Gespräch nichts mit dem Artefakt zu tun. Vielleicht hatte es ausschließlich um den Inhalt jener schwarzen Schachtel gegangen. Vielleicht wusste Lilith aber auch wesentlich mehr über Morrows heutige Geschäfte, als Jezahel nach stundenlanger Vorbereitung in Erfahrung gebracht hatte. Keine der Möglichkeiten war etwas, das sie jetzt offen ansprechen wollte, solange sie nicht einmal wusste, weshalb Lilith überhaupt zu ihr gekommen war.
Als Jaze sich ihr wieder vollständig zuwandte, war ihre Haltung deshalb weniger abweisend, als ihre Vorsicht vielleicht nahegelegt hätte. Misstrauen war schließlich kein Grund für Unhöflichkeit, und sie hatte in ihrem langen Leben gelernt, dass man meistens mehr erfuhr, wenn man seinem Gegenüber nicht bereits mit gezückter Klinge begegnete – sinnbildlich oder tatsächlich.
Dazu kam, dass Lilith momentan ohnehin nicht wirkte, als wäre sie eigens durch den Raum gekommen, um einen Kampf anzufangen. Was sie stattdessen wollte, blieb der Blonden allerdings ein Rätsel. Sie konnte schlecht wissen, dass allein ihre Nähe bereits einen Unterschied machte, und hätte sie überhaupt bemerkt, dass Lilith länger bei ihr verweilte, als für einen kurzen territorialen Hinweis notwendig gewesen wäre, hätte sie vermutlich zuerst nach einer weit weniger schmeichelhaften Erklärung gesucht. Dass sie ausgehorcht werden sollte, etwa. Dass Lilith herausfinden wollte, weshalb sie sich im Valen aufhielt. Oder dass sie sie ganz bewusst von dem Mann fernhielt, mit dem sie eben noch gesprochen hatte.
Jezahel nahm schließlich ihr Glas wieder auf und führte es an die Lippen, ohne Lilith dabei aus den Augen zu lassen, trank einen kleinen Schluck und stellte es anschließend ebenso ruhig zurück. Dass ihre bloße Anwesenheit etwas von jener sanften, kaum merklichen Wärme mit sich brachte, die Menschen in ihrer Nähe manchmal ruhiger atmen ließ, nahm sie selbst schon lange nicht mehr bewusst wahr; sie war kein Werkzeug, nach dem sie greifen musste, solange sie niemandem gezielt Trost schenken wollte, sondern eher ein leiser Bestandteil dessen, was nach allem, was ihr genommen worden war, offenbar trotzdem noch von ihr übrig geblieben war. Jezahel dachte in diesem Moment jedenfalls nicht daran, sie einzusetzen. Sie dachte an Morrow, an das Artefakt, an die schwarze Schachtel und an die Frau vor sich, die sich auf eine Weise verändert hatte, die ihr ehemaliger Engelinstinkt bemerkte, ohne ihr erklären zu können, weshalb.
Erst dann erschien wieder ein kleines, wesentlich freundlicheres Lächeln in ihren Mundwinkeln, während sie mit einem flüchtigen Blick auf ihr eigenes Glas deutete. „Ich nehme an, du bist nicht nur herübergekommen, um mir etwas von der Getränkekarte zu empfehlen?“
Dennoch prägte Jezahel sie sich ein, ebenso wie die Tatsache, dass Lilith offenbar nicht zufällig neben dem Mann gestanden hatte, den sie selbst seit einer halben Stunde suchte. Dass diese nun ausgerechnet zu ihr herüberkam, machte ihren Auftrag nicht unbedingt leichter, allerdings konnte sie kaum behaupten, dass der Abend damit weniger interessant geworden wäre.
Bei Liliths Begrüßung hob Jezahel lediglich ein wenig die Brauen, und für den Bruchteil einer Sekunde lag etwas beinahe Amüsiertes in ihrem Gesicht, ohne ihren warmen Ausdruck zu verlieren, der auch jetzt darauf lag. Ertappt fühlte sie sich jedenfalls nicht. Wenn irgendjemand glaubte, ihr erklären zu müssen, wo sie sich aufhalten durfte, dann war die Seelensammlerin nicht unbedingt die erste Instanz, deren Zuständigkeit ihr dabei eingefallen wäre.
„Interessant“, erwiderte sie deshalb ruhig und drehte das Glas zwischen ihren Fingern ein kleines Stück auf der dunklen Oberfläche der Bar, ehe sie Lilith wieder ansah. „Ich hätte schwören können, Los Angeles läge noch immer auf der Erde.“ Die Worte waren nicht scharf genug, um eine tatsächliche Provokation daraus zu machen, eher eine sanfte Erinnerung daran, dass Jezahel keinerlei Absicht hatte, sich für ihre Anwesenheit zu entschuldigen. Trotzdem blieb das angedeutete Lächeln nur kurz bestehen, denn nun, da Lilith unmittelbar vor ihr stand und nicht mehr mehrere Meter entfernt zwischen wechselndem Licht und anderen Gästen, fiel ihr etwas auf, das sich nur schwieriger beiseiteschieben ließ.
Beim letzten Mal hatte Lilith eine Präsenz besessen, die kaum zu übersehen gewesen war. Nicht allein deshalb, weil Jezahel gewusst hatte, was sie vor sich hatte, sondern weil an ihr etwas von jener Selbstverständlichkeit gelegen hatte, die sie von Engeln kannte: Dieses kaum greifbare Bewusstsein für eine Macht, die nicht erst herbeigerufen werden musste, weil sie Bestandteil des eigenen Wesens war. Jezahel hatte sie damals nicht mögen müssen, um das zu erkennen. Im Gegenteil. Und gerade die Tatsache, dass ausgerechnet dieses Geschöpf seine Gnade besaß, während ihre eigene seit so kurzer Zeit nur noch in Erinnerungen existierte, setzte sich gerade noch einmal mehr unangenehm tief in ihr fest.
Jetzt jedoch brauchte Jezahel einige Augenblicke, um überhaupt zu bestimmen, was sie störte. Lilith stand aufrecht, sprach deutlich und bewegte sich nicht wie jemand, der mehr Alkohol zu sich genommen hatte, als ihm guttat, und dennoch wirkte ihre Aufmerksamkeit merkwürdig abgefedert, als läge zwischen ihr und dem Raum eine dünne Schicht, durch die Geräusche, Licht und Bewegungen erst hindurchdringen mussten, bevor sie sie erreichten.
Jezahels Blick glitt einen Moment über ihr Gesicht, aufmerksam, ohne dabei unverhohlen zu starren. Alkohol erschien ihr unwahrscheinlich. Erschöpfung vielleicht, auch wenn sie sich schwer vorstellen konnte, dass gewöhnliche Müdigkeit bei Lilith genau diesen Eindruck hinterließ. Eine Verletzung hätte sie ebenfalls nicht ausgeschlossen, doch nichts an ihrer Haltung deutete unmittelbar darauf hin.
Damit blieb noch eine wesentlich naheliegendere Möglichkeit, besonders nachdem sie gesehen hatte, woher Lilith gerade gekommen war und was Morrow ihr übergeben hatte. Irgendeine Substanz also. Was genau, konnte sie nicht wissen und es wäre voreilig gewesen, aus einer schwarzen Schachtel und einem etwas veränderten Verhalten bereits eine Geschichte zusammenzusetzen, die womöglich überhaupt nicht stimmte. Trotzdem schob sie die Beobachtung gedanklich dorthin, wo sie auch all die anderen kleinen Details dieses Abends sammelte. Morrow war nicht dafür bekannt, Dinge zu verkaufen, die man ebenso gut in der nächsten Apotheke bekam. Doch selbst diese Erklärung reichte nicht ganz aus.
Etwas anderes an Lilith war verändert, und je länger Jezahel sie betrachtete, desto deutlicher wurde das eigentümliche Unbehagen, das sie nicht sauber benennen konnte. Es war weniger etwas, das ihre Augen wahrnahmen, als ein alter Instinkt, der längst hätte verkümmern dürfen und sich offenbar trotzdem weigerte, vollständig zu verschwinden. Jahrhunderte hatte sie andere Engel nicht allein gesehen, sondern auf eine Art erkannt, die sich nur schwer in menschliche Begriffe übersetzen ließ. Gnade war kein Schmuckstück, das man trug, kein Licht, das ständig sichtbar um einen herum schimmerte, und dennoch hatte sie zu einem Engel gehört wie Herzschlag und Atem zu einem Menschen. Bei Lilith hatte Jezahel sie bei ihrer ersten Begegnung gespürt. Jetzt suchte etwas in ihr unwillkürlich nach genau diesem vertrauten Eindruck – und fand ihn nicht dort, wo sie ihn erwartete. Ihre Stirn legte sich kaum merklich in Falten.
Vielleicht verbarg Lilith ihre Aura? Oder war es eine Nebenwirkung dessen, was auch immer Morrow ihr verkauft hatte? Vielleicht lag es an diesem Ort, an der Menge übernatürlicher Energien, die sich hier gegenseitig überlagerten und selbst Jezahels Wahrnehmung zuweilen mit mehr Eindrücken versorgten, als hilfreich war… dieses Gefühl blieb hartnäckig bestehen, selbst nachdem sie versucht hatte, es vernünftig einzuordnen.
Die Erkenntnis brachte eine unangenehme Resonanz mit sich, deren Ursprung Jezahel lieber nicht näher untersuchte. Zu vertraut war dieses kaum erklärbare Fehlen von etwas, das eigentlich da sein sollte; zu frisch die eigene Erfahrung damit, morgens aufzuwachen und noch vor dem Öffnen der Augen für einen winzigen Moment davon auszugehen, dass nichts sich verändert hatte, nur damit der eigene Körper einen Sekundenbruchteil später nach Kräften griff, die nicht mehr antworteten. Sie schob den Gedanken fort, bevor er sich weiter entfalten konnte. Dass Lilith heute anders auf sie wirkte, bedeutete nicht, dass ihr dasselbe widerfahren war, und allein die Vermutung erschien Jezahel zu gewagt, um sie ernsthaft weiterzuverfolgen. Vor allem hatte sie keinen Grund, Luzifers Tochter plötzlich mit jener Fürsorge zu begegnen, die sie einem verletzten Menschen selbstverständlich entgegengebracht hätte. Dafür erinnerte sie sich noch deutlich genug an einen Toten und an eine Seele, die Lilith vor ihren Augen mit sich genommen hatte.
Ihr Blick löste sich deshalb für einen Moment von ihr und wanderte scheinbar beiläufig an ihrer Schulter vorbei. Morrow befand sich noch dort, wo Lilith ihn zurückgelassen hatte, und soweit Jezahel erkennen konnte, war auch der Gegenstand weiterhin in seinem Besitz. Gut. Wenigstens hatte sich innerhalb der letzten Minute nicht auch noch dieser Teil ihres Abends entschieden, komplizierter zu werden. Dennoch stellte Liliths offensichtliche Bekanntschaft mit dem Händler eine zusätzliche Variable dar, die der Rat in seinen spärlichen Informationen nicht erwähnt hatte. Vielleicht hatte ihr Gespräch nichts mit dem Artefakt zu tun. Vielleicht hatte es ausschließlich um den Inhalt jener schwarzen Schachtel gegangen. Vielleicht wusste Lilith aber auch wesentlich mehr über Morrows heutige Geschäfte, als Jezahel nach stundenlanger Vorbereitung in Erfahrung gebracht hatte. Keine der Möglichkeiten war etwas, das sie jetzt offen ansprechen wollte, solange sie nicht einmal wusste, weshalb Lilith überhaupt zu ihr gekommen war.
Als Jaze sich ihr wieder vollständig zuwandte, war ihre Haltung deshalb weniger abweisend, als ihre Vorsicht vielleicht nahegelegt hätte. Misstrauen war schließlich kein Grund für Unhöflichkeit, und sie hatte in ihrem langen Leben gelernt, dass man meistens mehr erfuhr, wenn man seinem Gegenüber nicht bereits mit gezückter Klinge begegnete – sinnbildlich oder tatsächlich.
Dazu kam, dass Lilith momentan ohnehin nicht wirkte, als wäre sie eigens durch den Raum gekommen, um einen Kampf anzufangen. Was sie stattdessen wollte, blieb der Blonden allerdings ein Rätsel. Sie konnte schlecht wissen, dass allein ihre Nähe bereits einen Unterschied machte, und hätte sie überhaupt bemerkt, dass Lilith länger bei ihr verweilte, als für einen kurzen territorialen Hinweis notwendig gewesen wäre, hätte sie vermutlich zuerst nach einer weit weniger schmeichelhaften Erklärung gesucht. Dass sie ausgehorcht werden sollte, etwa. Dass Lilith herausfinden wollte, weshalb sie sich im Valen aufhielt. Oder dass sie sie ganz bewusst von dem Mann fernhielt, mit dem sie eben noch gesprochen hatte.
Jezahel nahm schließlich ihr Glas wieder auf und führte es an die Lippen, ohne Lilith dabei aus den Augen zu lassen, trank einen kleinen Schluck und stellte es anschließend ebenso ruhig zurück. Dass ihre bloße Anwesenheit etwas von jener sanften, kaum merklichen Wärme mit sich brachte, die Menschen in ihrer Nähe manchmal ruhiger atmen ließ, nahm sie selbst schon lange nicht mehr bewusst wahr; sie war kein Werkzeug, nach dem sie greifen musste, solange sie niemandem gezielt Trost schenken wollte, sondern eher ein leiser Bestandteil dessen, was nach allem, was ihr genommen worden war, offenbar trotzdem noch von ihr übrig geblieben war. Jezahel dachte in diesem Moment jedenfalls nicht daran, sie einzusetzen. Sie dachte an Morrow, an das Artefakt, an die schwarze Schachtel und an die Frau vor sich, die sich auf eine Weise verändert hatte, die ihr ehemaliger Engelinstinkt bemerkte, ohne ihr erklären zu können, weshalb.
Erst dann erschien wieder ein kleines, wesentlich freundlicheres Lächeln in ihren Mundwinkeln, während sie mit einem flüchtigen Blick auf ihr eigenes Glas deutete. „Ich nehme an, du bist nicht nur herübergekommen, um mir etwas von der Getränkekarte zu empfehlen?“

